Von Venlo nach Weeze – überschwängliche Lebensfreude und blutgetränkte Wiesen – eine Tour der Kontraste

Hallo zusammen,

die nächste Radtour steht an. Wenn ihr mögt, nehme ich euch wieder mit. Unbezahlt und unbeauftragt, einfach so ;). Dieses Mal bin ich wieder mit dem Zug zum Startpunkt gefahren, übrigens, eine kleine Ankündigung an dieser Stelle, da ich jetzt schon einige Nachfragen zu dem Thema hatte, ich plane in naher Zukunft mal einen Blogbeitrag zum Thema „Bahn und Rad“ aus meiner Sicht. Aber zurück zu dieser Tour, von Venlo nach Weeze sollte es gehen und es wurde eine meiner kontrastreichsten Touren seit langem. Aber, fangen wir vorn an….der Zug kam nicht.

Die ganze Pandemiezeit über hatte ich keine Probleme mit den Zügen, jetzt innerhalb einer Woche schon zwei Mal. Sicher nur ein Zufall. Nun ja, der RE13 fährt jede Stunde, es sollte, laut Website, ein Schienenersatzverkehr eingerichtet werden. Nun, den hätte ich mit meinem Rad wahrscheinlich eh nicht nutzen können, aber gucken wollte ich vor dem Bahnhof in Viersen dann doch mal. Überraschung…es gab zur angegebenen Zeit keinen SEV. Nun ja, es war sonnig und recht mild und soooo schlimm ist der Bahnhof in Viersen nicht. Den Zug um 8.33 Uhr habe ich bekommen. Fun Fact…der um 9.33 Uhr fiel ebenfalls aus. Egal, ich war also um kurz vor 9 Uhr in Venlo am Bahnhof.

Vom Bahnhof aus ging es in Richtung Blerick, ein Stadtteil von Venlo. Dazu bin ich erstmal über die Maas gefahren. An dieser Stelle queren zwei Brücken den Fluss, eine Eisenbahnbrücke und eine für den Autoverkehr. Auf der Eisenbahnbrücke gibt es auch einen Radweg, den hab ich genutzt und war fluchs drüben.

Auf der anderen Seite liegt dann der Bahnhof Blerick. Direkt daneben gibt es Werk einer Firma die Regionalzüge baut und wartet und man findet vor einem Depot immer mal wieder ganz interessante Lokomotiven und Züge vor. Dieses Mal die NS 1315. Eine Lokomotive der niederländischen 1300er Baureihe. Längst außer Dienst hat sie schon einige Stationen hinter sich und ist nun wohl Museumslokomotive. Baujahr war immerhin 1956.

Über den super ausgebauten Radweg ging es weiter in Richtung Greenport. Das ist ein Gewerbegebiet bei Venlo. Spannend ist auch dort der Radweg.

Von Venlo bis zum Bahnhof in Horst/Sevenum führt der Greenport Bikeway. Meist neben der Bahnlinie entlang, perfekt ausgebaut und herrlich zu radeln.

Auf dem Youtube Kanal des Fahrrad Bloggers „Bicycle Dutch“ findet sich ein Video des kompletten Weges. Wer mal schauen möchte:

Generell lohnt ein Blick auf diesen Blog. Hier geht es lang: BICYCLE DUTCH

Vom Bahnhof Horst ist es nicht mehr weit bis nach America. Das kleine Dorf hat seinen Namen wohl tatsächlich vom gleichnamigen Kontinent. Auf jeden Fall kann ich jetzt sagen ich bin schon mit dem Rad in America gewesen 😉

Von America ging es weiter in das wunderschöne Naturschutzgebiet Paardekop bei Ysselsteyn. Im Netz gibt es einige Vermutungen wo der Name herkommen könnte, vielleicht hat es eine Schlacht mit vielen toten Pferden gegeben und diese wurden in Form eines Pferdekopfes beerdigt. Wie auch immer, das Gelände ist riesengroß und grün. Herrlich. Es gibt auch einen Aussichtsturm.

Sagte ich schon, dass es warm war 😉 ?

Die Aussicht war aber toll von dort oben. Und es gab sogar eine leichte Brise. Die Kletterpartie hat sich also gelohnt.

Und dann hat es mich richtig angefasst. Ganz in der Nähe des Turmes beginnt der deutsche Soldatenfriedhof Ysselsteyn. Ich war ja schon auf einigen Soldatenfriedhöfen, immer bewegt mich das. Dieses Mal musste ich mich aber tatsächlich einen Moment setzen und innehalten. Es macht was mit Dir, wenn Du über ein Gräberfeld mit über 31.000 Kreuzen blickst.

Oftmals junge Menschen, Menschen die ihr Leben eigentlich noch vor sich hatten. Zerfleischt in einem Krieg. Ich habe das an anderen Stellen schon mal geschrieben, ich bin jetzt 42 Jahre alt und lebe mein ganzes Leben lang im Frieden. Ist das nicht wunderbar? Es ist aber nicht selbstverständlich. Solche Orte hier zeigen das immer wieder. Strömungen in meinem Land, Hass, unzulässige Verkürzungen, Ausgrenzungen, Nationalismus…es passiert in der aktuellen Zeit viel Schlechtes in dieser Welt. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in die gleichen Fallen tappen wie die Menschen, die am Ende auf solchen Friedhöfen liegen.

Wie wunderbar ist es, dass ich euch hier über eine Radtour schreiben kann, bei der ich Grenzen überquert habe? Einfach so, ohne Kontrolle, ohne Repressalien, einfach auf einer Radtour im Frieden. Das sollten wir nie als selbstverständlich hinnehmen. Ich möchte auch weiterhin in Frieden leben können, dafür sollte man alles tun und sich anderen Strömungen, wo immer es geht, in den Weg stellen. Wenn ihr mal die Chance habt solche Orte zu besuchen, macht es. Nehmt es in Euch auf…

Tief bewegt habe ich mich dann wieder aufs Rad gesetzt und bin weiter in Richtung meines ersten Etappenziels gefahren. Nach wie vor könnte ich mich seitenweise voller Begeisterung über niederländische Radwege auslassen, aber das habe ich ja schon einige Male getan, deshalb jetzt nur ein Foto von meinem Weg in Richtung Venray.

Venray. Ich war aber gar nicht unterwegs zur Stadt Venray, sondern zur Rennstrecke. Es handelt sich dabei um eine, bzw. zwei Rennstrecken auf denen Ovalrennsport betreiben wird. Anders als zum Beispiel auf dem Nürburgring wird dort nur im Oval gefahren und man hat als Zuschauender immer das ganze Rennen im Blick. Ich bin seit langen Jahren Motorsportfan, da dann aber ehr die Rund- und Langstrecke. LeMans, Prototypen, Spa, Nürburgring, GT3, VLN, FIA-GT, sowas halt, falls Euch das was sagt. Vor einiger Zeit bin ich, unter anderem auch durch meinen Kumpel Thomas vom Reisen-Fotografie Blog, auf die Ovalrennen aufmerksam geworden. Hier vor allem auf die amerikanische NASCAR Rennserie, quasi die Champions-League der Ovalrennen.

In Venray finden Rennen mit Autos statt, die denen der NASCAR recht ähnlich sehen und im Prinzip geht es auch um das gleiche, nämlich handfesten, unkomplizierten Motorsport. Ich glaube näher kommt man in Europa nicht an das echte NASCAR Gefühl heran als in diesem kleinen Ort in den Niederlanden.

Für 20 Euro kriegt man hier einen ganzen Tag lang Mortorsport in ganz unterschiedlichen Klassen zu sehen, die V8Oval Series fährt auf der halben Meile, alles andere auf dem kleineren Kurs, der Viertelmeile. Eigentlich hat man dort einen ganzen Tag Motorsport für kleines Geld. Ich habe es aber nur sehr kurz dort ausgehalten dieses Mal, mir hat die Umsetzung des Hygienekonzeptes, wenn es denn eines gab, leider so gar nicht gefallen.

Eigentlich sollten, wenn man sich auf der Tribüne bewegt, Masken getragen und auf jeden Fall Abstände eingehalten werden, richtig viele Menschen haben sich nicht dran gehalten. Ich saß glücklicherweise allein in meiner Ecke auf der Tribüne und hatte, bis auf das kurze Fritten-Intermezzo, die ganze Zeit eine FFP-Maske auf.

Die Rennen waren durchweg spannend, egal ob bei den kleineren oder größeren Klassen.

Nach der langen Zeit war es auch mal wieder echt schön die V8 Motoren im Oval zu hören und die Rennen zu sehen. Aber irgendwie fühlte sich das noch nicht so richtig gut an, als nach und nach mehr Besucher kamen, habe ich meinen Kram gepackt und bin gegangen, nach wie vor als einer von ganz wenigen Menschen MIT einer Maske. Ja ich weiß, es ist draußen…trotzdem.

Einen großen Vorteil, vielleicht sogar den größten Vorteil dieser Sportstätte konnte sie leider dieses Mal nicht so richtig ausspielen, die Fan-Nähe. In Nicht-Pandemie Zeiten kommt man überall ran, überall rein, kann mit allen Fahrerinnen und Fahrern quatschen und einfach eine gute Zeit haben. Das geht aktuell eben leider noch nicht.

Nach meiner Stippvisite ging es wieder auf den Sattel und weiter in Richtung Overloon. Wieder über diese tollen, baulich sehr weit von der Fahrbahn der Autos getrennten, Radwege führte mich mein Weg.

Wenn ihr hier schon länger mitlest, ahnt ihr vielleicht, was dort das Ziel war, andernfalls sage ich es Euch jetzt ;). Dort gibt es ein Museum rund um den Zweiten Weltkrieg. Ich habe das bei der Arnheimtour schon geschrieben, eigentlich kann man in dieser Gegend keine 200 Meter radeln ohne auf Relikte, Denkmäler oder Überbleibsel aus dieser Zeit zu treffen. Die Region war unglaublich hart umkämpft und viele Menschen haben ihr Leben dort gelassen. Das Museum lohnt sich in jedem Fall, es ist sehr umfangreich und auch mittels Multimedia wird viel erklärt und aufbereitet. Seit Kurzem ist eine Fahrradbrücke mitten hin durch ein neues Highlight. Ohne das man Eintritt bezahlen muss führt ein Radweg durchs Museum und man gewinnt einen ersten Eindruck.

Bereits draußen neben der Brücke wird man durch einen Sherman Panzer empfangen. 1943 gebaut hat er an der Schlacht rund um Overloon teilgenommen. Einige Jahre war er in Italien ausgestellt, seit einiger Zeit ist er wieder zurück.

Von der Brücke aus sieht man auch das neueste Projekt des Museums, die gefundenen Trümmer eines Lancester Bombers werden dort auf den Schattenriss des Flugzeuges gelegt. Ein ergreifendes Monument. Im Museum selbst erfährt man auch mehr über die Crew des Flugzeuges und die Einsätze. Auf dem Foto hier sieht man das Exponat im Hintergrund, hinter dem Panzer.

„Krieg gehört ins Museum“ – das ist der Leitspruch des Museums in Overloon, Recht haben sie. Ähnlich wie der Soldatenfriedhof bei Ysselsteyn oder der bei Overloon, den ich im Anschluss besucht habe, ist auch das Museum ein Ort, der mich nachdenklich macht und der mahnt und erinnert. Ein wichtiger Ort, wie ich finde.

Meine Tour ging weiter, Vierlingsbeek war das nächste Ziel. Dort gibt es am Ortseingang einen Freiheitsbaum, der an die Befreiung erinnert und für Hoffnung und Frieden steht, ein tolles, weil lebendiges, Symbol.

Weniger Kilometer später stand ich dann wieder and er Maas. Dieses Mal gab es aber keine Brücke, sondern die Fähre „Festina Lente“ hat mich sicher über den Fluss gebracht. 90 Cent kostet der Spaß, dafür kann man nicht selber schwimmen ;).

Gegenüber erkennt man schon die Sankt Petrus Kirche in Bergen. Ein schönes Fleckchen Erde ist das hier, direkt an der Maas.

Auf der anderen Flussseite ging es durch Bergen und in das wunderschöne Naturschutzgebiet „De Groote Muijs“. Waldwege, immer wieder Heidelandschaften und viel Ruhe. Wirklich schön zu radeln dort.

Und ehe man sich versieht ist man über die Grenze gefahren, in Deutschland und am Airport Weeze angekommen. Der Flughafen hat eine lange Geschichte, ich kenne ihn noch aus Zeiten, als er noch Laarbruch hieß und eine Basis der „Royal Air Force Germany“ war. Kampflugzeuge wie der Tornado oder der Harrier, später auch Hubschrauber wie Puma und Chinook und immer wieder spannende Gastflugzeuge von anderen Plätzen gab es hier zu sehen. Ich war oft mit meinem Vater hier am Zaun unterwegs um zu gucken und zu hören was sich bewegt. Später dann mit dem eigenen Fahrrad, von Duisburg aus. Immer Tagestouren mit Freunden, das waren immer tolle und spannende Tage.

An diese Zeit erinnert das örtliche Museum, direkt auf dem Flugplatzgelände. Highlight der Exponate dürfte wohl die Canberra vor dem ehemaligen Standortkino sein. Der Aufklärungsflieger hatte 1953 seinen Erstflug, war an einigen Orten stationiert, unter anderem eben auch genau hier, in Laarbruch. Es ist vielen helfenden Händen und Sponsoren zu verdanken, dass sie jetzt wieder an dieser Stelle steht. Überhaupt lohnt ein Besuch des Museums, es gibt so viele faszinierende Erinnerungsstücke an eine spannende Zeit.

Heute wird der Platz zivil genutzt, Platzhirsch ist der irische Billigflieger Ryanair, der hier nahezu alle Flugbewegungen ausmacht.

Als ich ankam wurde diese 737 gerade betankt, wenig später sollte sie in die Ukraine fliegen. Auf dem Foto hier sieht man ganz gut, warum man oft von „Wald- und Wiesenairports“ spricht, wenn man über die kleineren Regionalflughäfen redet ;).

Pünktlich ging es in dem Himmel und in Richtung Kyiv.

Für mich ging es dann wieder aufs Rad um die letzten Kilometer bis nach Weeze unter die Reifen zu nehmen. An, wie ich finde, recht hässlicher Kreisverkehrskunst vorbei ging es nach Weeze zum Bahnhof und vor dort aus mit dem Zug zurück nach Hause.

Es war eine interessante, spannende, in weiten Teilen nachdenklich machende Tour. Wie so oft habe ich noch einen Relive Clip für Euch und natürlich die Hoffnung, es hat Euch gefallen. Wenn ihr Fragen habt, immer her damit.

Bleibt gesund und munter, passt auf Euch auf und habt eine gute Zeit.

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

11 comments

  1. Hallo Martin, tolle Tour und tolle Fotos. Wieviele Km waren es am Schluss? Kann ich die GPS Daten evtl. auch bekommen? Womit kann ich die Daten denn dann am Laptop öffnen?
    Gruss Guido

  2. Guten Morgen Martin,

    eine wirklich bewegende und tolle Radtour! Ich bin Bild für Bild durchgegangen und habe alles gelesen, bei Dir wird es einfach nicht langweilig. Das liegt aber auch daran, dass Du immer irgendwie in meiner Heimat unterwegs bist und ich so vieles kenne! Bis zum nächsten Mal, hab ein schönes Wochenende,

    LG Loni

  3. Hallo Martin,
    beeindruckender Beitrag.
    Wirklich tragisch, wenn man liest, wie alt die Jungs auf den Soldatnfriefhöfen nur geworden sind.
    Ich bin schon Mitte 50 und hatte bisher auch das Glück ohne die Not, die ein Krieg hervorruft, leben zu können.
    Ich teile da ganz deine Ansicht, dass das ein großes Glück ist, was wir da haben.
    Das Museum mit dem durchgehenden Radweg ist wirklich gut gemacht.

    Bei der perfekten Infrastruktur für Radfahrer in Holland kann man im Ruhrpott doch wirklich noch neidisch werden.

    Obwohl ich ja inzwischen ganz den Kraftfahrzeugen den Rücken gekehrt habe, kann ich deine Leidenschaft für u.a. Autos gut nachvollziehen.
    Mein jüngster Sohn hat einen Ford Mustang mit einem dicken V8 Motor darin. Der Sound ist einfach irre cool!
    Da hättest du sicher auchbspaß daran.

    Vielen Dank für den schönen Beitrag und schönen Sonntag.
    Liebe Grüße
    Dagmar

    1. Oh ja, so ein V8 Blubbern hat schon was, und der Mustang ist auch ein wirklich schönes Auto, besonders die alten Modelle. Was die Radwege angeht, ich finde im Ruhrpott tut sich ja mittlerweile schon ne Menge, die Trassen sind super. Radinfrastruktur in den Städten dürfte aber noch besser werden, da hast Du wohl Recht. Und was die Soldaten angeht, da bin ich bei Dir.

      LG Martin

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