Von Duisburg nach Lüdinghausen – Zeche, Halde, Natur und Kanal

Glückauf ihr Lieben,

am Gruß merkt ihr es vielleicht schon, es geht mal wieder in Richtung Ruhrgebiet, sogar hinauf bis ins Münsterland. Aber, fangen wir vorne an. Wenn ihr wollt, nehme ich euch wieder, unbezahlt und unbeauftragt natürlich, mit auf eine Radtour. Wie so oft in der letzten Zeit bin ich zum Startpunkt mit dem Zug gefahren. Natürlich wieder zu früher Stunde um möglichst allein zu sein, was auch geklappt hat. Einen der ersten Züge nach der Ausgangsbeschränkung und vor Sonnenaufgang habe ich mir geschnappt und bin nach Duisburg gefahren. Dort sollte es losgehen.

Im Bahnhof stieß ich erstmal auf Kunst, aktuell, und zwar noch bis zum 3. Mai, findet dort eine Ausstellung zum Thema #ZeroWasteArt statt. Kunstwerke aus Müll. Schaut mal auf die Website, HIER, da sind durchaus spannende Künstlerinnen und Künstler dabei. Nach dem 3. Mai zieht die Ausstellung weiter, nächster Halt ist der Hauptbahnhof in Wuppertal.

Endlich auf dem Sattel ging es in Richtung Kaßlerfeld los. Dabei bin ich dieses Mal am sogenannten „Lifesaver“ des Künstlerpaares Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely vorbeigekommen. Die Plastik steht gut sichtbar in der Fußgängerzone in Duisburg. Lautet der offizielle Titel eben Lifesaver, hat der in Duisburg den Spitznamen „Fickender Vogel“ weg….nun gut, eigentlich rettet er die Frau aus den Fluten….aber egal, Pottschnauze halt 😉

Durch Kaßlerfeld hindurch ging es, mittels des Oberbürgermeister Karl Lehr Brückenzuges, über die Ruhr, den Hafen- und den Vinckekanal in Richtung Untermeiderich.

Kurz bevor ich dann auf den Grünen Pfad eingebogen bin, habe ich mir natürlich wieder, wie beim letzten Mal an dieser Stelle, in Untermeiderich die „Streetart-Unterführung“ angesehen. Da gibt es recht häufig neue Bilder, dieses Mal dieses bunte Portrait hier.

Der Grüne Pfad ist ein toll ausgebauter Radweg, welcher auf einer ehemaligen Bahntrasse liegt. Dadurch gibt es fast keine Steigungen und man gleitet einfach so dahin. Sicherlich ein Highlight an dem man vorbeiradelt ist der Landschaftspark Duisburg Nord. Bis 1985 ein aktives Stahlwerk ist er jetzt einer DER Punkte der Industriekultur im Ruhrgebiet. Wenn nicht gerade eine weltweite Pandemie herrscht, kann auf den Hochofen steigen und hat einen wunderbaren Blick über die Umgebung, es gibt spannende Führungen und in den ehemaligen Anlagen und Einrichtungen finden auch kulturelle Events, etwa Konzerte und Open-Air Kino Vorführungen statt. Die Kulisse und die Stimmung dort sind schon sehr besonders.

Kurz vor einer Autobahnunterführung entsteht gerade, direkt neben dem Grünen Pfad die „Neustadt“, ein Kunstprojekt von Julius von Bismarck und Marta Dyachenko. Dabei haben sie, im Maßstab 1/25, Gebäude aus dem Ruhrgebiet nachgebaut, Gebäude, die es „in Echt“ mittlerweile nicht mehr gibt. Ab dem 1. Mai wird dieses Installation offiziell zu besichtigen sein. Schon irgendwie spannend, finde ich. Bleibt zu hoffen, dass es auch intakt bleibt und nicht irgendwelchen Vandalen zum Opfer fällt.

Der Grüne Pfad verläuft dann bis nach Oberhausen, dabei radelt man, meist unter Bäumen, auf schönem Asphalt und in der Dunkelheit sogar mit fluoreszierenden Randbegrenzungen.

In Oberhausen bin ich dann auf die HOAG Trasse abgebogen, dieser Radweg, ebenfalls eine ehemalige Bahntrasse, schließt direkt an den Grünen Pfad an.

Über die Emscher führte mich mein Weg dann ein kurzes Stückchen auf der HOAG Trasse weiter, schaut man von oben auf den Grünen Pfad und die HOAG Trasse bilden sie ein liegendes U und man kommt in Duisburg Walsum wieder an.

Soweit wollte ich aber gar nicht, so das ich in Oberhausen Sterkrade schon wieder die Trasse verlassen habe und auf die Halde Haniel zugefahren bin. Die Halde ist gehört zum ehemaligen Bergwerk Prosper Haniel, überregional bekannt wurde es, weil dort, in einer feierlichen Zeremonie, die letzte deutsche Steinkohle gefördert wurde. Für mich als „Pottkind“ durchaus ein emotionaler Moment, auch meine Familie ist mit dem „Pütt“ verbunden und ich bin halt „auf Kohle geboren“ ;).

Die Halde ist recht hoch, wenn ich das richtig gelesen habe die zweithöchste Halde im Ruhrgebiet. Der Weg hinauf führt über Serpentinen und an einem Kreuzweg vorbei. Dabei sind an jeder Station die das Leiden Christi darstellt, neben der christlichen Symbolik, immer auch Gegenstände aus dem Bergbau und kurze Erklärungen zu finden. Sehr schön gemacht, finde ich.

Ganz oben angekommen bietet sich ein fantastischer Blick über das Ruhrgebiet. Leider hatte ich kein optimales Wetter, es war noch recht diesig, trotzdem ist es beeindruckend da oben, wenn auch arg zugig. Beim Blick auf die Reste von Prosper Haniel kann einem schon etwas wehmütig werden.

Ein Blick rüber zum Tetraeder, welcher auf der Halde an der Beckstraße steht. Da war ich vor einiger Zeit auch schon mit dem Rad, wenn ihr mögt, könnt ihr das HIER nachlesen, war damals auch ne tolle Tour.

Auch zurück konnte ich gucken, zurück auf den Weg, den ich gekommen bin, und zurück in der Zeit, zurück auf Duisburg und meine Heimat. Es macht was, wenn man die ganzen Bauwerke aus seiner Jugend erkennt.

Neben tollen Ausblicken gibt es oben auf der Halde aber auch noch ein Amphitheater und eine Kunstinstallation des Bildhauers Agustín Ibarrola. Totem heißt es offiziell, ist aber auch unter „Windkamm“ bekannt. Dabei stehen etwa 100 bunt bemalte Eisenbahnschwellen aufrecht im Wind. Hat was.

Nach einem Schluck aus der Pulle und einem kleinen Snack ging es wieder bergab. Der Pfad hinab ist geschottert und schon recht ausgewaschen, man muss, zumal bei hohen Geschwindigkeiten, höllisch aufpassen sich nicht langzulegen. Also ein entspanntes herabrasen ist leider nicht 😉 .

Vorbei am Fördergerüst über Schacht 9 der Zeche Prosper Haniel ging es dann weiter in Richtung Kirchhellen.

Ab dann wurde es ländlicher. Zwischen Feldern hindurch führte mich mein Weg zur „Ahnfrau von Brabeck“, einer Sage die auf dem Rittergut Haus Brabeck angesiedelt ist und sich darum dreht, dass Menschen, die sich über die verstorbene Ahnfrau lustig machen, das bitter bereuen und kurz drauf auch nicht mehr unter den Leben weilten. Ich habe mir also nur ganz brav das Haus Brabeck angesehen und bin fix weitergeradelt.

Von weiten sah ich dann einen riesigen Phallus….beim näherkommen stellte sich das Ganze dann als Spargelwerbung heraus. Ist ja auch irgendwie sinniger als einen riesigen Penis in die Weltgeschichte zu stellen…nun ja 😉

Aus Kirchhellen heraus bin ich dann ein Stückchen neben der Landstraße hergefahren, da gab es einen gut ausgebauten Radweg und an einem Sonntag Morgen ist da auch nichts los, so das man auch mal neben der Straße radeln kann.

Nach kurzer Fahrt ging es dann aber wieder von der Straße ab und über Wirtschaftswege weiter. Dabei kam ich auch an einem Weg vorbei der laut Beschilderung „Alte Kiesbahn“ heißt. Ob es da wirklich mal eine Bahn gab, keine Ahnung, auf jeden Fall gib es einen erhöhten Damm und darauf dieses Schild.

Was den Weg jetzt zu einem „Monsterweg“ macht, konnte ich nicht herausfinden, ich bin dann aber eh weiter gerade aus gefahren. Sooooo böse sah der Weg gar nicht aus…

Auf dem regulären, nicht als Monsterweg bezeichneten Weg, bin ich weiter gefahren in Richtung Dorsten. Schon faszinierend, wie oft ich mich dabei ertappt habe, auf den Straßenschildern „Drosten“ statt Dorsten gelesen zu haben…ein Phänomen, welches wohl der aktuellen Zeit geschuldet ist ;). Unterwegs bin ich an wirklich schönen Bauernhäuser vorbeigekommen. So wie dieses hier.

Schöne Ecke zum radeln dort. Eine kurze Pause wollte ich einige Kilometer später einlegen, bei einer Brücke über den Wesel-Datteln Kanal. Glaubt man der Wikipedia, ist der WDK, so die offizielle Abkürzung, die Wasserstraße mit dem zweithöchsten Verkehrsaufkommen nach dem Rhein. So musste ich dann tatsächlich auch nicht lange warten, bis mir die „Deltas“ vor die Linse fuhren. Das Schiff Delta schiebt hier den Leichter Delta 2 durch den Kanal. Schon beeindruckend, zusammen ist das Gespann knappe 180 Meter lang.

Auf Deck, direkt hinter der heruntergefahrenen Brücke, wurden die Autos gewaschen. Man muss die Fahrzeit ja sinnvoll nutzen.

Aus der anderen Richtung kam die „Heliodor“ heran, 86 Meter lang, 1999 in Rumänien gebaut. Gleichzeitig machte sich jemand in einem Kanu auf den Weg im Kanal.

Nach den zwei Schiffen ging es für mich weiter, erstmal über die Brücke und dann ein Stück am Kanal entlang, immer in Richtung Osten.

Zwischen Lippe und WDK führte mich der Weg dann weiter. Ein weiterer Name des Kanals ist auch Lippe-Seiten Kanal, da ist was dran.
Fotos sind ja auch immer Zeitzeugen, sie geben die aktuelle Welt wieder. Und so ist dieses Bild eben auch ein Zeugnis unserer Zeit. In der Mitte ist der Lippedeich zu sehen, auf dem ich geradelt bin, rechts die Lippe und links im Bild eine Drive-Thru Corona Schnelltest Einrichtung…

Vorbei an ausgedehnten Weiden eines kleinen Hofes, welcher sich auf die Zucht von regionalen Black Angus Rindern spezialisiert hat, ging es weiter bis zum Umspannwerk Kusenhorst.

In dem Umspannwerk gibt es seit Ende 2020 neue Technologien, die helfen auch regenerativen Strom zu verteilen. Auf jeden Fall kommt dort der „Überlandstrom“ an und wird auf die Haushalte verteilt. Strom ist ja für mich immer schon ein Mysterium gewesen, mir reicht dabei das Fachwissen aus, dass er aus der Steckdose kommt ;).

Direkt hinter dem Werk liegen noch alte Schienen auf der einen Seite und es beginnt ein Bahnradweg auf der anderen.

Diesem bin ich ein gutes Stück gefolgt, dann biegt der Weg von der ehemaligen Strecke ab und führt durch die Lippeauen, einfach wunderbar. Nach dem kurzen Schlenker bin ich dann wieder auf den bahnradweg zurückgefahren.

Bis nach Haltern bin ich dem Weg gefolgt, dort habe ich dann eine längere Pause, inklusive Currywurst, am Stausee gemacht.

Vorbei an einem „Liebesschlösser-Zaun“, inklusive Hinweisschild, wir leben in Deutschland, wir brauchen ein Schild, auf jeden Fall, ging es weiter.

Von dort aus bin ich in das ehemalige Truppenübunsgplatzgelände Borkenberge eingefahren. Die britische Rheinarmee war hier lange stationiert und hat das Gelände intensiv genutzt. Heute ist es ein Naturschutzgebiet. Man darf sich nur auf bestimmten Wegen bewegen, überall sonst liegt zum einen eine hohe Munitionskontermination vor, zum anderen stört man auch das Naturschutzanliegen dort.

Am Rand des Gebietes liegt auch ein kleiner Verkehrslandeplatz. Als ich dort angehalten habe, war grad Segelflugbetrieb. Die Schleppmaschine kam gerade zurück, während der Segelflieger noch seine Kreise zog. Wenig später landete auch dieser.

Für mich ging es auf die letzten Kilometer bis nach Lüdinghausen. Von dort aus wollte ich mit dem Zug zurückfahren. Mittlerweile war die Sonne durchgekommen und auf dem ehemaligen Übungsplatz wurde es richtig warm.

Aus dem Gelände raus ging es über kleinere Landstraßen und Wirtschaftswege nach Lüdinghausen. Dort habe ich dann auch den Dortmund – Ems Kanal überquert und, insofern scheint die Angabe bei Wikipedia über die Verkehrsdichte zu stimmen, wieder ein Schiff abgepasst. Die „Niedersachesen 9“ mit Heimathafen Hannover ist Baujahr 1974 und somit älter als ich, aber immer noch im Dienst.

Kurz hinter der Brücke über den Kanal liegt dann auch der Bahnhof von Lüdinghausen. Ich hatte, wie erhofft und erwartet, wieder nur nahezu leere Züge auf der Rückfahrt. Am Bahnhof stand noch ein Opel im DTM Look, hat irgendwas, finde ich. So ein bisschen eine Reminiszenz an die gute alte Motorsport-Zeit 😉

Der Zug kam pünktlich am leeren Bahnsteig an und ich war am Ende einer wunderschönen Tour. Es hat wieder eine menge Spaß gemacht, ich hoffe Euch haben die Eindrücke gefallen.

Ich habe noch einen Relive Clip für Euch und sage wie immer, wenn ihr noch Fragen oder Anregungen habt, ab in die Kommentare damit.

Bleibt gesund und munter, fahrt vorsichtig und passt auf Euch auf,

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 comments

  1. Hallo Martin.

    Mal wieder eine klasse Tour. Viele der Wege bin auch schon geradelt. Nur in Lüdinghausen, da war ich bisher noch nicht. Eher war das Ziel in der Gegend das Schloss Nordkirchen.

    Bitte prüf doch mal, ich meine, Lüdinghausen liegt am Dortmund-Ems-Kanal.

    Ich freue mich schon auf deine nächste Tourbeschreibung.

    Beste Grüße aus dem Duisburger Süden.

    Hermann-Josef Hassel

  2. Hallo Martin,
    ich war vorletztes Wochende seit zieg Jahren das erste mal wieder am Rhein (in Höhe der Fähre Walsum). Das Blubbern der Schiffsdiesel war eine Wohltat. Danke für deinen schönen Bericht. Ich muss auch mal sehen, dass ich mal anderswo her radele, als immer nur in Witten.
    Liebe Grüße Dagmar

    1. Hi, ja, die Abwechslung ist mir auch echt wichtig. Ich hab lange in Grefrath gewohnt und habe dort quasi jeden Weg erradelt, so ähnlich geht es mir jetzt in Krefeld. Es ist auch wunderschön hier, aber ab und an muss es eben auch mal ne andere Ecke sein 😉

      Fahr vorsichtig und bleib gesund,
      Liebe Grüße, Martin

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