Zwischen Faszination und Erschrecken – Radtour um den Tagebau Hambach

Hallo zusammen,

es ist Zeit für den nächsten Blogbeitrag zur nächsten Radtour. Meine letzte Tour rund um den Drachenfels war wirklich schön, tolle Natur, tolle Landschaft und es gab viel zu sehen. Die Tour auf die ich Euch heute mitnehmen möchte, ist irgendwie, hm, zweischneidiger. Ich war im rheinischen Braunkohlerevier unterwegs, genauer gesagt im Tagebau Hambach. Also, rund um den Tagebau Hambach. Ich bin ja ein total technikbegeisterter Mensch und fand die riesigen Schaufelradbagger schon immer spannend. Das das ganze Thema Braunkohleabbau zwei Seiten hat und gerade in der aktuellen Diskussion die negative Seite sehr im Fokus ist, muss ich ja keinem mehr erklären. Ich nehme Euch heute mit auf eine, wie ich hoffe auch für Euch, interessante Tour von Bedburg nach Düren. Die Anreise fand, wie so oft in der letzten Zeit, mit dem Zug statt. Bis Bedburg musste ich zwei Mal umsteigen, klappte aber problemlos.

Von Bedburg aus wollte ich zuerst über ein Stück des „Terra nova Speedways“ fahren und dann zum Terra Nova Forum. Der Speedway ist auf der ehemaligen Abraumstrecke zwischen dem Tagebau und einem Kraftwerk errichtet und als Radweg ausgebaut. Als erstes bin ich aber bei einem Frisörladen vorbeigefahren….gut, auch in Bedburg können die das mit den verrückten Namen 😉

So, jetzt aber auf den Radweg. Am Boden ist zu erkennen in welche Richtung man radelt, gut gemacht. Andererseits sieht man nach kurzer Zeit auch, wo es hingeht, wenn man nach vorn schaut.

Es geht bergauf und bergab und irgendwann bin ich dann links abgebogen um zum Forum zu kommen. Hier findet man ein Restaurant, ein Stück eines Schaufelrades und viele Informationen, wie es nach dem Tagebau an dieser Stelle weitergehen soll. Ein großer See soll entstehen und Natur und Naherholung ausgebaut werden.

Nimmt man auf den Stühlen unter Sonnenschirmen, alles aus Stahl, Platz, erahnt man die Größe des Tagebaus. Einerseits absolut faszinierend, fast 300 Meter ist das Loch tief und riesen groß. Beeindruckend, was da geleistet wurde. Andererseits überkommen einen Gedanken an weggebaggerte Natur und Dörfer, entwurzelte und umgesiedelte Menschen und einen gigantischen Hunger nach Energie.

Und ja, es ist faszinierend, wenn man dann auf den Bagger 287 schaut, den größten Schaufelradbagger der Welt. 95 Meter hoch, 225 Meter lang und 14.000 Tonnen schwer. Unfassbare Dimensionen. Er fördert am Tag 200.000 Kubikmeter. Als ich die Daten bei Wikipedia gelesen habe, musste ich echt zweimal hinschauen, das ist schon ziemlich unglaublich.

Von dort aus führte mich mein Weg in Richtung Sophienhöhe, die höchste Erhebung in der Ecke und, ihr ahnt es sicher schon, eine Abraumhalde. Unterwegs gibt es immer wieder Aussichtspunkte, an denen man, normalerweise, in den Tagebau blicken kann. Aktuell sind diese aber wegen unser aller Lieblingsvirus gesperrt. An sich bin ich mit so ziemlich jeder coronabedingten Maßnahme d’accord, aber warum man hier nicht auf ein Plateau soll, auf dem man völlig allein an der frischen Luft steht. Nun ja, vielleicht geht man von solch einem Andrang aus, dass Abstände nicht gehalten werden können. Sei es drum, dann ging es eben ohne zu gucken weiter.

Während ich in Richtung Sophienhöhe weiterfuhr gab es am Rand immer wieder Rohrleitungen und Pumpen zu sehen. Ich habe nicht wirklich Ahnung, könnte mir aber vorstellen, dass es was mit Grundwasser zu tun hat. Immerhin ist der Tagebau knappe 300 Meter tief. Einerseits Pumpen, andererseits gibt es viele Anlagen, die Wasser in die Luft spritzen um den Staub im Griff zu halten. Schon beeindruckend was für ein Aufwand betrieben wird um die Kohle zu fördern.

Die Sophienhöhe ist eine Abraumhalde aus dem Tagebau, mittlerweile rekultiviert und beeindruckend grün. Knappe 300 Meter ging es hinauf in Serpentinen. Viele Bäume und auf einer, na ich nenne es mal Zwischenebene, gab es einen kleinen See und ansonsten Waldwege. An dem See steht auch ein kleines Holzgerüst, von dem aus man auf den See blicken kann. Nicht nur ich war da, offenbar auch diese beiden hier 😉

Da alles bewaldet ist, war nicht viel mit weit gucken von da oben. Ich bin dann noch ein bisschen weitergefahren und kam zum sogenannten „Höller Horn“, das Gerüst ist, vereinfacht, einem Gerüst des Erzabbaus nachempfunden und steht in einer ganz spannenden, an den Mond oder einen fremden Planeten erinnernden Landschaft. Hügeliges Sandland, vielleicht wie bei Dune 😉 Auf jeden Fall hat es was da oben.

Von der Halde runterfahren war natürlich klasse, teilweise recht steil ging es in Serpentinen wieder runter auf „Groundlevel“ ;). So dauerte es dann auch nur ein paar Minuten, bis ich in Hambach ankam. Als erstes am dortigen Schloss vorbei. Immerhin von 1280, damals noch als Burg, stammt das Ganze. Im Zweiten Weltkrieg recht übel zerschossen wurde es dann restauriert und in den Türmen findet man jetzt Wohnungen.

Es lag auf meinem Weg zu einem Punkt, den ich bei der Vorbereitung meiner Tour im Netz gefunden hatte. Dem LOFAR Stützpunkt des Forschungszentrum Jülich. Die Abkürzung steht für „Low Frequency Array“ und die Anlage ist Teil eines Radioteleskopes. An vielen Stellen in Europa sind solche Stützpunkte installiert und können zusammengeschaltet werden. Schon spannend. Hier gibt es noch ein paar Infos dazu. Wikipedia und Ruhr-Uni Bochum.

Spannend. Durch Niederzier kam ich gut durch, dann durch ein kleines Waldstück und mittlerweile konnte ich auch, jetzt links von mir, den Tagebau wieder sehen.

Wer sich ein wenig für Eisenbahnen interessiert, kennt sicher die Hambachbahn. Diese speziellen Züge transportieren die Kohle zu den Kraftwerken. Für den Eisenbahnfan auf jeden Fall ein lohnendes Motiv, die Lokomotiven gibt es nämlich nur dort. Auch die Spannung ist eine andere als in den normalen Eisenbahnen in Deutschland verwendet wird. Die Lokomotiven sehen echt urig und kraftvoll aus. Es gibt zwei Typen, die älteren EL1 und die neueren EL2000. Früher konnte man diese Lokomotiven ganz gut fotografieren, mittlerweile liegt das Gleisbett tiefer und auch die Absperrungen rund um die Gleise sind weiter gefasst. Das liegt zum Teil auch daran, weil die Hambachbahn schon einige Mal das Ziel von Umweltaktivisti war, welche dann die Gleise blockiert haben. So wird mit Schildern und hohen Strafandrohungen vor Eingriffen in den Bahnverkehr gewarnt.

Ein, zwei ganz passable Fotostellen gibt es aber noch und an einer davon sind diese beiden Bilder entstanden. Ich habe Glück gehabt und eine der älteren EL1 vor die Kamera bekommen, die finde ich irgendwie noch eindrucksvoller. Dieses Exemplar ist Baujahr 1958.

Die zwei Stromabnehmer die an der Seite der Lokomotive sind, dienen dazu in der Befüllstation Strom abzunehmen, da dort kein Fahrdrath über den Zügen installiert ist.

Ich schrieb zu Beginn dieses Beitrags darüber, dass ich mich während der ganzen Tour durchaus zweischneidig gefühlt habe. Das eben mit der Eisenbahn, der größte Bagger der Welt, die Dimensionen, das alles fasziniert mich und nötigt mir Respekt ab, vor dem was Ingenieure bewerkstelligen können. Schon beim Blick in die riesige Grube des Tagebaus muss man an die Wunde denken, die man damit der Natur zufügt. Nun weiß ich auch, dass es dafür Aufforstungen gibt und die Grube ja ein See werden soll, auch die Halde Sophienhöhe zeigt ja, dass die Natur durchaus zurück kommt. Und trotzdem. Besonders deutlich wird der Eingriff aber, wenn man durch einen Ort wie etwa Manheim fährt. Der Ort, in der Nähe des Erflandrings, der Kartstrecke auf der Michael Schumacher das Rennfahren gelernt hat, gelegen ist zur Wegbaggerung vorgesehen. Das heißt, wer wird einfach verschwinden. Ein Ort, der erstmal 898 urkundlich erwähnt wurde, verschwindet. So wie vor ihm schon viele andere. Es wird ein Manheim – neu geben, auch dort wird es sich sicher gut wohnen lassen, aber die Identität eines Ortes, nun, die wird, im wahrsten Sinne des Wortes, verheizt. Wie sich so etwas anfühlt, kann man wohl nur als Einheimischer wirklich nachempfinden, es macht aber was mit einem, wenn man durch einen solchen Ort radelt.

Fenster mit Brettern vernagelt, vieles bereits abgerissen, Gerippe von Häusern, leere Straßen. Ein ganz unwirkliches Gefühl beschleicht einen, wenn man hier unterwegs ist. Zwischendurch dann tatsächlich noch ein Hauseingang ohne Bretter, ein paar Blumen auf den Stufen davor, ein Gesicht hinter dem Fenster, welches schnell verschwindet als ich vorbeifahre. Es wohnen immer noch Menschen hier.

Der Werksschutz patrouilliert offenbar auch hier, einige Male kamen mir die SUV mit RWE Signet entgegen. Statt eines Ortsschildes findet sich am ehemaligen Ortseingang der Hinweis, dass man überall mit Abbrucharbeiten zu tun hat, man sich auf Werksgelände befindet und das Betreten nur auf eigene Gefahr möglich sei. Wie gesagt, das bewegt mich dann doch mehr als ich gedacht hatte.

Auf dem Weg nocheinmal zur Tagebaukante kam ich auch am Protestcamp rund um den Hambacher Forst vorbei. Ich bin viel zu wenig im Thema, um mir eine abschließende Wertung zu erlauben. Die zerstörte Natur und die umgesiedelten Menschen machen nachdenklich, die Technik fasziniert, die Projektideen für eine Nachfolgenutzung sind spannend, schwimmende Solarparks, Wasserkraftwerke und touristischer Nutzen sind interessant, die Wiederaufforstung von Halden funktioniert bei uns im Ruhrgebiet ja auch sehr gut. Nicht zuletzt hängen auch Arbeitsplätze am Tagebau. Aber auch hier wird man sich dem Wandel nicht entgegenstellen können, ich kann mir nicht vorstellen, dass wir an einer derart ineffizienten Energiegewinnung festhalten wollen, zumal mit solchen Folgen für die Natur vor Ort und das Klima weltweit.

Ein letzter Blick auf einer der riesigen Bagger, dann führte mich meine Weg über die, ebenfalls gespenstisch ruhig daliegende, alte Trasse der Autobahn, bevor ich dann, erneut über die Gleise der Hambachbahn und der neu gebauten Autobahn weiter in Richtung Blatzheim gefahren bin.

Dort habe ich mich dann nochmal mit ein wenig Proviant versorgt und dann einen Abstecher nach Nörvenich zur dortigen Fliegerhorst gemacht. Wenn man schon mal da ist. Zu der Zeit war auch gerade die italienische Luftwaffe zu Gast, so das ich sogar noch einen Tornado vor die Kamera bekommen habe. Das Flugzeug, eine Gemeinschaftsproduktion der Briten, der Italiener und der Deutschen ist ein Kind der 70er und wird wohl auch nicht mehr so lange durch die Gegend fliegen. Das aktuellste Jagdflugzeug der Bundeswehr, der Eurofigther, war natürlich auch vor Ort. So gab es zum Abschluss dieser, irgendwie so ganz anderen Radtour, noch ein bisschen „JetNoise“ auf die Ohren.

Die restlichen Kilometer bis zum Bahnhof in Düren legte ich dann im Eiltempo zurück, da ich irgendwie die Zeit verpennt hatte und nicht noch eine Stunde auf den nächsten Zug warten wollte. Da man aber irgendwie eh die meiste Zeit auf nem gut ausgebauten Radweg gerade aus fährt, kam ich gut voran. Und, was soll ich sagen, bei solchen Touren lernt man ja auch immer was Neues irgendwie. Das Merzenich an einer alten Heerstraße liegt und deshalb heute Teil des Jakobsweges ist zum Beispiel wusste ich nicht. Wieder was gelernt.

In Düren kam ich, nahezu zeitgleich, mit meinem Zug an ;). Er fuhr mich dann nach Köln und von dort aus klappte der Anschluss perfekt bis nach Krefeld. Wer weiß, vielleicht war in der Oberleitung des umweltfreundlichen Reisens mit der Eisenbahn der Strom aus der Kohle aus dem Tagebau Hambach….

Wie immer hoffe ich, der Bericht hat Euch gefallen, ich habe noch ein Reliveclip für Euch, solltet ihr irgendwelche Fragen haben, immer her damit.

Bleibt gesund und liebe Grüße,
Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

6 Gedanken zu „Zwischen Faszination und Erschrecken – Radtour um den Tagebau Hambach

  1. Zweischneidig, das erklärt es gut. Ich stecke sicher etwas tiefer drin in dem Thema als Du. Mir ist auf der Sophienhöhe z.B. als erstes die Künstlichkeit aufgefallen und die vielen, winzigen, Gedenksteine à là : hier ist der Friedhof von – hier stand die Kirche von…
    Es ist eine ineffiziente, technologisch längst überholte Art der Energiegewinnung, die, dazu gibt es genug ernstzunehmende Gutachten, nicht mehr gebraucht wird.
    Was schlimmer ist: in den Dörfern, die jetzt doch nicht abgebaggert werden, reißt RWE deutlich vor dem ursprünglichen Zeitplan Häuser ab, damit die Eigentümer ihr Rückkaufrecht, was sie jetzt eigentlich wegen Wegfalls der Geschäftsgrundlage hätten, nicht mehr ausüben können: auch da, wo diese es bereits erklärt haben. Der Grund: man will die Flächen als Gewerbe- und Industriepark vermarkten. Das ist, schlicht gesagt, menschenverachtend, was da passiert.
    Der Faszination des Grauens, aber auch der Technik erliege ich auch jedesmal…

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  2. Toller Bericht und viel Information zum Thema, bleibt nur die Frage warum man immer noch weiter macht obwohl man weiß dass es für’s Klima schädlich ist.

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