Radeln im Norden – Hamburg, das Tor zur Welt

Moin ihr Lieben,

dieser Blogbeitrag fängt anders an als sonst. Das liegt daran, weil wir in einer anderen Welt leben als sonst. Ich sitze hier, am Abend des 24. Februars 2022 und möchte Euch auf eine Radtour durch Hamburg mitnehmen. Gemacht habe ich sie gestern, am 23. Februar. Da gab es bereits massive Spannungen in der Ukraine-Krise, aber irgendwie hatte ich dann doch gehofft, man würde es am Verhandlungstisch regeln, groß genug ist der Tisch im Kreml ja. Nun, was auch immer Putin mit dem Tisch kompensieren wollte, es hat wohl nicht gereicht. Nach einer Rede, die einem Menschen mit gesundem Verstand nur die Haare zu Berge stehen lassen kann, ist der Diktator aus Russland tatsächlich in die souveräne Ukraine einmarschiert. Jetzt, heute Abend, finden Kämpfe im ganzen Land statt und es gibt bereits Todesopfer. Gerechtfertigt wird dieser Krieg durch nichts, gar nichts. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nochmal Kriegsangst haben muss. Jetzt habe ich sie.

Ich nehme euch, wenn ihr mögt, trotzdem mit auf meine Radtour. Vielleicht gefällt euch was ihr lest, vielleicht interessiert es euch. Ich bin aber auch ganz ehrlich, heute Abend schreibe ich diesen Bericht zwar auch für euch da draußen, aber in erster Linie möchte ich mich damit selbst ablenken. Ich bin gut vernetzt, habe viele Bekannte und einige Freundinnen und Freunde in den Streitkräften…und kriege pausenlos Nachrichten, aus dem Netz, via WhatsApp und über die sozialen Netzwerke. Während ich diesen Bericht schreibe, ist alles andere aus, ich bin froh, dass ich zur Zeit eine Woche Urlaub habe und nicht auch noch dienstlich im Netz unterwegs sein muss.

Also, gestern war die Wettervorhersage richtig gut und so habe ich mir diesen Tag für eine Radtour durch Hamburg ausgesucht. Wie immer erzähle ich euch unbezahlt und unbeauftragt davon. Meine letzte Tour dort ist noch gar nicht so lange her, im November letzten Jahres war ich dort, allerdings eher auf der anderen Elbseite unterwegs. Wer nochmal schauen mag, hier ist der letzte Bericht. Radeln im Norden – Hamburg, meine Perle

Los ging es dieses Mal an der „Jan-Fedder-Promenade“, die heißt seit Kurzem so, in Richtung „Alter Elbtunnel“. Das war bei meiner letzten Tour auch so, ich finde diese Art der Elbquerung einfach klasse. Die Fahrt mit dem Rad hindurch ist kostenfrei und man wird von den Tunnelwachen am Eingang und Ausgang freundlich gegrüßt, einfach toll.

Auf der anderen Seite angekommen, bietet sich ein herrlicher Blick auf die Skyline der Hansestadt, inklusive der Elbphilharmonie. Letztere habe ich zwar schon einige Male besucht, allerdings habe ich es bislang noch nie zu einem Konzert geschafft, lediglich die spannende Architektur und der Ausblick über Stadt waren mir vergönnt. Steht aber auf jeden Fall auf meiner To-Do Liste.

Weiter ging es vom Elbufer in Richtung Süden. Hamburg hat etliche Hafenbecken, Kanäle und Verbindungen, viele davon sind mit Schleusen und Wehren versehen. Die Ellerholzschleuse zum Beispiel habe ich überquert. Sie dient dazu Schlick und Sand aus dem Hafen dahinter fern zu halten.

Über den Roßdamm ging es weiter, ganz bewusst durch den Hafen, durch die nicht so feinen Ecken. Meist entdeckt man dort ja die spannendsten Details. An einer Brücke zum Beispiel wurde es bunt.

Direkt gegenüber gab es ein recht klares Statement zur Zweitklassigkeit des Fc Sankt Pauli 😉

Nachdem wir das nu auch geklärt hätten, bin ich weiter geradelt und hab eine kurze Pause an der „Rethe-Klappbrücke“ gemacht. Allerdings weniger wegen der Brücke, die übrigens im letzten Jahr den „Deutschen Brückenbaupreis 2020“ gewonnen hat, sondern wegen der „Nunavik“.

Die „Nunavik“ ist ein Massengutfrachter und lag bei meiner Tour im Hafen. Sie bringt Nickel und Kupfer aus Nunavik nach Hamburg.

Spannend an ihr ist der Bug, sie ist nämlich eisgängig. Sie besitzt die „Polareisklasse 4“, aufgelöst bedeutet das „Ganzjährige Fahrt in dickem einjährigem Eis mit älteren Einschlüssen“.

Wenn ihr mir hier schon länger folgt, dann wisst ihr ja von meiner Vorliebe für Industriefotografie. Ich mag einfach Ecken und Plätze, an denen Industrie zu sehen ist, an denen etwas passiert oder an denen man die Komplexität von Produktion erkennen kann. Auf meinem Weg in Richtung Kattwykbrücke kam ich an diesem Rohrensemble vorbei….irgendwie fand ich das als Motiv cool, keine Ahnung warum 😉 .

2020 wurde die Eisenbahnbrücke über die Süderelbe neu gebaut, seitdem ist sie, glaubt man der Wikipedia, die größte Hubbrücke Deutschlands und dank der Spannweite die längste Europas. Respekt. Als ich dort ankam überquerte gerade ein Zug, gezogen von einer Lokomotive von Captrain die Brücke.

Apropos groß. Von der Brücke aus kann man auf das Containerterminal Altenweder blicken. Dort wurde die „CMA CGM Arkansas“ gerade von der „Convenant“ betankt. Zum Vergleich, der Tanker hat normale Binnenschiff-Abmessungen, also so wie wir die Schiffe hier in Krefeld auf dem Rhein sehen.

Die „Arkansas“ kann 9800 Container laden und ist 300 Meter lang…und damit war sie gestern nicht das längste Schiff im Hafen. Die Dimensionen sind einfach eindrucksvoll, finde ich.

Von Altenwerder ging es in Richtung Waltershof und plötzlich sah Hamburg so aus, ländlich, mit viel Grün und einem Weg auf dem Deich.

Während man, bei angenehmen Temperaturen und blauem Himmel über den Deich radelt, kann man sich nur schwer vorstellen, dass dieser Ort massiv von der Flutkatatstrophe 1962 betroffen war. Immer wieder trifft man auf große Schilder, die den Blick auf dieses Ereignis richten. Sie stehen in einem herben Kontrast zu der verträumten Anmutung, die diesen Teil meiner Radtour begleitete.

Seit 2020 gibt es einen 1,2 Kilometer langen Rad- und Fußweg in Richtung Finkenwerder. Wir hier im Ruhrgebiet ahnen schon, was das früher mal war? Genau, eine Bahntrasse ;). Man radelt sehr entspannt auf dem ehemaligen Gleisbett der Hafenbahn.

Kennt ihr dieses Gefühl, beobachtet zu werden? Als ich da stand und das Foto gemacht habe, hatte ich genau dieses Gefühl. Ein schneller Rundumblick brachte zuerst kein Ergebnis. Bei genauerem Hinsehen, fiel mir jemand in einem Wohnmobil auf. Auch wenn er schnell geradeaus guckte, ich hatte ihn erwischt 😉 .

An einem kleinen Aussichtspunkt mit Turm vorbei ging es dann weiter in Richtung Airbus Werk in Finkenwerder.

Das Airbus Werk in Hamburg Finkenwerder verfügt über eine eigene Landebahn und ist tatsächlich eine faszinierende Fabrik. Für mich als Flugzeugfan hat das Ganze natürlich einen ganz besonderen Reiz, auch deshalb, weil man hier Flugzeuge in Lackierungen zu Gesicht bekommt, für die man sonst lange Reisen auf sich nehmen müsste. Qingdao Airlines zum Beispiel ist eine chinesische Inlandsairline. Gestern gab es einige Rollversuche mit diesem neuen Airbus. Er trägt noch die deutsche Registrierung, wird aber in Kürze an die Chinesen ausgeliefert und verschwindet dann nach Fernost.

Sicherlich eines der ungewöhnlichsten Flugzeuge vor Ort ist der Airbus Beluga XL. Mit diesem Jet werden Flugzeugteile der einzelnen Produktionsstandorte, das ist das Besondere bei Airbus, ein Flugzeug wird in unterschiedlichen Ländern gebaut, an die Fertigungsstellen geflogen.

Das Flugzeug basiert auf einem Airbus A330 und hat in dem großen Rumpf Platz für die Teile. Damit es auf ebener Fläche entladen werden kann, ist das Cockpit nach unten verlegt und man kann die Bugklappe nach oben aufklappen. Schon ein krasser Flieger.

Mit einem letzten Blick auf einen Airbus der omanischen Airline Salam Air, da kommt man auch ohne längere Reisen nicht dran, ging es dann auch schon weiter. Ein spannender Stopp war das dort.

Dann ging es weg von Groß-, Schwer- und Hightec-Industrie hinein ins Alte Land. Kleine Häuschen, ein wunderbarer Deich mit einem schmalen Weg auf der Krone und etliche Obstanbaugebiete kennzeichneten die nächsten Kilometer meiner Radtour. Einfach herrlich.

Es wurde nun zusehends windiger, das tat der guten Laune aber keinen Abbruch. An einem Stromkasten gab es dann auch ein deutliches Statement der Norddeutschen 😉 Kann man mal so machen…

Durch das, wieder städtischere, Neuwiedenthal ging es weiter in Richtung Osten. In Hamburg gibt es ab und auch auch schon richtig tolle Fahrradinfrastruktur, so wie diese Fahrradstraße neben einem Bahndamm.

Und ehe man sich versieht radelt man wieder zwischen Containerterminals und Industrie hindurch. Hier warten etliche LKWs darauf ihre Ladung loszuwerden.

Auf meinen Touren halte ich ja immer auch ein wenig Ausschau nach Streetart. In Hamburg habe ich zwar viele Graffiti und Tags gesehen, aber richtige, gute Streetart eher selten. Am Bostelbeker Hauptdeich gab es dann aber ein paar Meter Mauer die reichlich verziert waren. Auch wenn die Motivwahl eher düster war, eindrucksvoll sahen die Arbeiten auf jeden Fall aus.

An einem kleinen Bahnübergang musste ich kurz einen Zug der Firma Metronom durchlassen, ein privater Eisenbahnanbieter im Norden, dann ging es weiter auf die Buxtehuder Straße in Richtung Osten.

Dort gab es dann zum einen Fassadenmalerei zu sehen, selten war das Mädchen mit den Friedenstauben so aktuell wie heute…

..aber auch dieses Gebäude fiel mir auf. Aktuell ist dort ein Restaurant drin, aber schaut euch mal diese Fassade an, toll, oder? Mir hat es auf jeden Fall sehr gefallen. Das der Kran im Hintergrund die Nationalfarben der Ukraine trägt ist übrigens Zufall.

Und dann ging es so langsam wieder „hoch“, also in Richtung Norden, im Lotsekanal fiel mir die „Koi“ ins Auge. Das ehemalige Bäderschiff habe ich schon oft auf der Elbe kreuzen sehen…und vor allem hören, das gute Stück wird oft als Partyschiff eingesetzt. Aktuell ist es aber eine Corona-Teststelle 😉 .

Es ging wieder über die Süderelbe, dieses Mal aber über ein wirklich sehenswertes Denkmal. Die alte Harburger Elbbrücke mit ihren Stahlbögen und den wundervollen Portalen macht wirklich was her.

Durch etliche, ruhige Straßen führte mich mein Weg nach Wilhelmsburg und zur dortigen Mühle. Wenn man hier am Teich steht und auf die Mühle blickt, glaubt man kaum, dass man nur wenige Kilometer von der quirrligen und hektischen Großstadt entfernt ist. Wenn ihr weitere Infos zu der wunderbaren Mühle haben mögt, schaut mal HIER.

Weiter durch den BallinPark, einem Museum welches die Auswanderergeschichte Hamburgs erzählt ging es in Richtung Zentrum. Kritisch beäugt von der einen oder anderen Möwe. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ein Schokocroissant in der Hand, vielleicht lag es daran 😉 .

Über die charakteristische Brücke über die Norderelbe und durch den Billhafen, in dem ein alter, verlassener Hafenkran sei Dasein fristet, bin ich weiter in Richtung Zentrum geradelt.

Ein wenig im Gegenlicht, aber trotzdem ein Foto wert, die evangelische Hauptkirche Sankt Michaelis, im Volksmund auch „Der Michel“ genannt.

Damit ist dann auch klar, ich bin zurück in der City. Das Radfahren ist wieder deutlich anstrengender, man muss sehr aufpassen, alles ist hektisch und schnell. Großstadtradeln eben. Ich bin dann über das Heiligengeistfeld gefahren, dort fällt natürlich sofort der große Falk-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Heute als Medienbunker genutzt, Clubs befinden sich darin und aktuell baut man oben drauf gerade Wohnungen. Angesichts der weltpolitischen Lage wollen wir hoffen, dass wir nach wie vor unsere Bunker zweckentfremden können…

Am Stadion des FC Sankt Pauli vorbei bin ich dann durch den Kiez geradelt. Hier ist es vor allem bunt, wild und frei. Mach Spaß die viele Straßen und Menschen mit dem Rad zu entdecken. Nehmt euch mal die Zeit, wenn ihr in Hamburg seid, und schaut euch das urbane Treiben an, die Nachbarschaften und den Zusammenhalt dort.

Über die Reeperbahn ging es zurück zum Startpunkt meiner Radtour. Was soll ich sagen, es war wieder ganz wunderbar vielfältig.

Das ist etwas, für das ich diese Stadt wirklich liebe, sie ist so vielfältig. Von reicher Elbchausse über die Schanze bis zum Hafen, große Parks, alte Gebäude, moderne Architektur, ländliches Flair. Hamburg ist tatsächlich immer eine Reise wert, finde ich.

Ich habe noch einen Relive Clip für euch und hoffe, ihr konntet mit dem Bericht etwas anfangen und er hat euch gefallen. Wenn ihr Fragen haben solltet, immer her damit.

Bleibt gesund und munter, seid nett zueinander und achtet auf euch, die Welt ist verrückt genug…

Tschüs, Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5 comments

  1. Ich hab auf dem ersten Blick gedacht, Du hättest Bilder vertauscht – die Ähnlichkeit des Michel mit der Diokirche ist auf dem ersten Blick ja doch groß…
    Danke für Deinen Bericht, er macht Lust, auch mal das Rad mit zu nehmen nach Hamburg.

    1. Besten Dank, ja, so von der Seite ist da was dran. Wobei der Turm ja dann doch völlig anders ist. 👍 Das mit dem Rad ist ne gute Idee, man kann soviel entdecken. 😁👏
      BG Martin

  2. Hallo Martin,
    ich wollte dir wenigstens einen schönen Sonntag wünschen.
    Leider stecke ich in meinen Garten noch für eine längere Zeit in den Aufräumarbeiten nach den Stürmen fest, deshalb habe ich nur diesen Beitrag mit den schönen Bildern von dir kurz überflogen.
    Ich werde die anderen Beiträge später ansehen.
    Zu Putin fällt mir garnichts mehr ein, so ein scheiß Krieg (sorry) hat uns gerade noch gefehlt, als ob die Menscheit nicht schon genug Probleme hätte- ich fasse es nicht.

    Liebe Grüße
    Dagmar

Kommentar verfassen