Kunst auf der Halde, hohe Masten und ein Flugplatzfest – Radtour nach Wesel

Hallo zusammen,

ich habe aktuell ein paar Tage Urlaub und sitze ziemlich viel auf dem Fahrrad. Das bedeutet, ich sammel Eindrücke und Bilder für neue Blogbeiträge. Das heißt aber auch, ich könnte mir ja eigentlich mal ein bisschen Zeit nehmen und auch mal wieder den einen oder anderen Beitrag schreiben. Wenn ich einmal angefangen habe, entstehen die, fast, immer in ein, zwei, drei Anläufen und natürlich habe ich auch Spaß dabei. Manchmal fehlt mir aber einfach der Angang, kennt ihr sowas? Das Feedback auf die Beiträge ist toll, vielen Dank dafür nochmal, für mich ist das Verschriftlichen einer Tour fast so schön wie die Tour selbst. Und weil das so ist, würde ich euch heute gern mal wieder mitnehmen, unbezahlt und unbeauftragt.

Das ich mich in meiner Freizeit für die Fliegerei begeistere ist ja kein Geheimnis. Ideal wird es für mich immer dann, wenn ich das Radfahren und das Thema „Flugzeug“ miteinander verbinden kann. Mitte August war es endlich mal wieder soweit. In Wesel stand ein Flugplatzfest auf dem Programm. Ein ideales Radelziel, oder?

Früh am Morgen ging es in Krefeld los, vorbei an unserem Rathaus, meinem Arbeitsplatz, und der Regenbogenbeflaggung. Wir leben in Zeiten, in denen dieses Symbol der Liebe und Hoffnung immer öfter Anlass für Hass und Hetze wird. Ich bin sehr dankbar und vielleicht auch ein bisschen stolz, dass meine Arbeitgeberin, die Stadt Krefeld, dieses sehr sichtbare Zeichen gesetzt hat.

Es versprach ein sonniger Tag zu werden, ab und an zogen Wolekn durch, aber das sollte weder der Radtour noch dem Flugplatzfest im Wege stehen. Aus der Innenstadt Krefelds ging es dann hinaus in Richtung Stadtwald und Kliedbruch. Die Straßen waren noch leer, wie gesagt, ich war früh dran.

Die Niepkuhlen ziehen sich parallel zur Moerser Straße durch Krefeld. Vor unzähligen Jahren war das mal ein Rheinarm, heute ist es ein Naturschutzgebiet, bei dem sich viele kleine Seen, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, von Nord nach Süd erstrecken. Dort entlang zu radeln ist immer wieder richtig schön. Gerade am frühen Morgen, wenn alles so still da liegt.

Mein erstes Etappenziel sollte die Halde Norddeutschland sein. Die Halde gehört zum ehemaligen Bergwerk Niederberg bei Neukirchen-Vlyun und hat, wie so viele Bergbauhalden in unserer Region, Kunst auf ihrem Plateau. Aktuell sogar gleich zwei Kunstwerke in einem. Auf meinem Weg dorthin bin ich aber erstmal an diesem freundlichen Herrn vorbeigekommen, er steht dort schon seit Ewigkeiten mit seinem Tablett vor einem Restaurant. Er hat schon bessere Tage gesehen. Soweit ich weiß, ist das Restaurant jetzt auch seit über einem Jahr geschlossen.

Deutlich frischer wirken da die Schilder an einer Fahrradstraße. Das wäre vielleicht für andere Kommunen auch mal eine gute Idee. Fahrradstraßen sind eine gute Sache, ich glaube aber, viele Menschen, die mit dem Auto unterwegs sind, kennen die Regeln dort gar nicht so genau. Ich bin jetzt ein Mittvierziger und in meiner Fahrschulzeit gab es das Thema schlicht nicht. Die „Spielregeln“ nochmal aufzulisten kann da echt helfen.

Die gut 100 Meter hohe Halde Norddeutschland bietet einen schönen Blick über die Region und, wie gesagt, Kunst.

Neben einem Mountainbike-Parcour gibt es auch immer wieder Menschen an Gleitschirmen oder solche mit Motorgleitschirmen zu sehen.

Auf dem Plateau steht das „Hallenhaus“. Wichtig, nicht das Haldenhaus, sondern das Hallenhaus. Das skelettartige Gebilde zeigt ein typisches Hallenhaus, wie sie früher in unserer Region Gang und Gäbe waren. Diese Skulptur stammt von der niederländischen Künstlergruppe „OBSERVATORIUM“. Ganz aktuell ist das Hallenhaus nicht nur selbst Kunstwerk, die Installation „Windzeichen“ von Danuta Kartsen wertet das Ganze nochmal auf.

Ich war jetzt schon einige Mal dort oben, die Stoffbahnen wirken nie gleich, je nach Intensität und Richtung des Windes, sieht es dort immer anders aus.

Das leise rascheln oder pfeifen des Windes, das Licht, welches sich immer anders bricht – ich bin kein Kunstexperte, aber das finde ich einfach immer wieder richtig schön. Also, fahrt mal hin, es lohnt sich, finde ich.

Mit Schwung von der Halde herunter ging es dann weiter in Richtung Kamp-Lintfort. Durch die Felder mit einem leichten Rückenwind machte das richtig Laune. In Kamp-Linfort ist das Thema Kiesabbau ein sehr großes. Immer wieder wird darum gestritten ob es damit weitergehen soll oder nicht. Die Flächen, die benötigt werden, sind auf jeden Fall ziemlich groß. Das merkt man vor allem dann, wenn man dran vorbei radelt.

In Kamp-Lintfort gab es bis in die frühen 2000er Jahre hinein ein Steinkohlebergwerk, die Zeche Friedrich Heinrich. Ich bin so alt, ich habe da damals schon Fotos von Eisenbahnen gemacht. Die Kohlenzüge der Ruhrkohle AG fuhren von Kamp-Lintfort aus nach Rheinkamp und wurden dann dort von der Bahn übernommen. Die Bilder sind von 2008.

Heute, im Jahr 2025, ist von der eigentlichen Zeche wenig übrig. Der Zechenpark war Teil der Landesgartenschau 2020 und dient jetzt als Naherholungsgebiet. Der Förderturm, der damals aus über 800 Metern Tiefe das „schwarze Gold“ gefördert hat, ist jetzt Landmarke und Aussichtsturm. In Kamp-Lintfort habe ich an vielen Stellen den Eindruck, der Wandel vom Montanstandort hin zu einer modernen Kommune ist gut gelungen.

In der Zeit noch weiter zurück führte mich mein weiterer Weg. Von Kamp-Lintfort aus bin ich über Rheinberg nach Alpen geradelt. In Rheinberg habe ich einen kurzen Stopp am dortigen Soldatenfriedhof für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs eingelegt. Ich habe das in meinem Beitrag zu meiner Ukraine-Reise schon einmal geschrieben, an solchen Orten überkommt mich immer wieder eine tiefe Demut und Sorge. Demut vor Menschen, die unsere Bevölkerung von einer schrecklichen Dikatur befreit haben, obwohl sie selbst oft tausende Kilometer entfernt gelebt und geliebt haben. Und Sorge, ja Sorge vor einer Zukunft, in der die Menschen die Mahnung und Warnung solcher Orte nicht begreifen. Einer Zukunft, in der wir neue Friedhöfe anlegen und an neuen Gräbern neue Familien und Freunde stehen und den Tod ihrer Angehörigen betrauern. Ich besuche solche Ort regelmäßig und würde mir wünschen, es täten mehr Menschen. Vielleicht würde ihnen klarer, wo Autokraien, Hass, Hetze, Nationalismus und Protektionismus führen.

Mit durchaus noch schweren Gedanken im Kopf habe ich meine Tour dann fortgesetzt, bin über die Felder nach Alpen geradelt. Der Niederrhein ist schon eine schöne Region, gerade wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist. Wobei der angenheme Rückenwind mittlerweile ein anstrengender Gegenwind geworden war.

Kennt ihr das höchste Bauwerk in NRW? Ehrlicherweise wäre es mir auch nicht eingefallen, wenn ich nicht nachgeschaut hätte. Der Sender Wesel ist unglaubliche 320,8 Meter hoch. Wusste ich nicht. Für mich war er das von weitem sichtbare Zeichen, dass ich es nicht mehr ganz soweit bis zum Flugplatz habe, der liegt nämlich direkt auf der anderen Rheinseite.

Über die „Niederrheinbrücke Wesel“ gings über den Rhein und dann noch zweimal links rum und dann liegt dort der Flugplatz Wesel-Römerwardt.

Alle zwei Jahre findet auf dem Flugplatz direkt am Rhein ein Flugplatzfest statt. „Große Flugtage Wesel“ heißt die zweitägige Veranstaltung und ich liebe sie sehr. Obwohl die Tage immer gut besucht sind, kommt nie dieses Gefühl von „Massenabfertigung“ auf. Alle sind zugewandt, der ansäßige Luftsportverein präsentiert sich, es gibt leckeres Essen, Kuchenbuffets und man ist nah dran an den Flugzeugen und Hubschraubern. Die Moderation ist fachkundig und witzig, alles in allem sind diese Tage immer eine „runde Sache“.

Wer sich so gar nicht für Flugzeuge interessiert, sollte jetzt vielleicht weiterscrollen, ein paar Eindrücke der tollen Flieger und Shows habe ich natürlich dabei. Also, stürzen wir uns ins Getümmel. Es gibt kaum ein Flugplatzfest in Deutschland, wo ihr auftauchen nicht zu „Ohs“ und „Ahs“ führt, die Antonov AN-2. Der große russische Doppeldecker fasziniert und begeistert die Menschen. Dieses Exemplar hier trägt die Farben der Lufthansa, allerdings der Ostvariante. Auch in der DDR gab es Anfangs eine Lufthansa, aus der wurde dann später aber die Interflug.

Mit der großen Antonov wurden auch Rundflüge angeboten, so oft wie das alte Stück Metall in der Luft war, wurde davon auch reger Gebrauch gemacht. Ist aber ja auch ein tolles Erlebnis.

Deutlich agiler ist da die Extra 300 von Uwe Wendt. Ich mag den Kerl einfach. Er fliegt bei der Lufthansa dienstlich nicht nur gefühlt alles was Flügel hat, ist Ausbildungskapitän und ganz offensichtlich in der Luft geboren, an den Wochenenden zeigt er mit seinem orangenen Flieger auch noch, das Gravitation dann doch irgendwie realtiv ist. Sein Programm ist wirklich sehenswert – hier kann man übrigens auch mitfliegen, wenn man denn mag und der eigene Magen da nicht dringend von abrät.

Tolle Kiste, toller Typ. Beim Flugplatzfest haben aber nicht nur die frau- und manntragenden Flieger ihre großen Auftritte, auch der Modellflugbereich hat die Chance sich zu präsentieren. Und was da geboten wird, ist wahrlich beeindruckend. Wusstet ihr, dass Air Berlin mit ihren A330 doch noch unterwegs ist, obwohl die Airline längst abgewickelt wurde?

Auch das wohl schönste jemals gebaute Kampfflugzeug war im Modell verteten, die F-104 Starfigther, sogar mit echter Turbine.

Und auch die Modellpiloten hatten das Ziel immer im Fokus 😉

Apropos „nicht frau- oder manntragendes Fluggerät“, es gab auch tierische Luftakrobaten zu sehen, entweder in freier Wildbahn, bei einer kurzen Pause…

…oder ganz aus der Nähe durch eine Falknerei präsentiert. Auf jeden Fall bot dieser Programmpunkt starke Einblicke.

Natürlich darf auch Segelflug an einem Segelflugplatz nicht fehlen. Ein Segelflugzeug lag im Publikumsbereich und die Mädels und Jungs vom Verein LSF Wesel wurden nicht müde, den vielen Besucherinnen und Besuchern immer wieder das Flugzeug und die Faszination für das Hobby zu erklären. In der Luft gab es einen Kunstflug mit einer Salto. Das von Ursula Hänle entworfene und in den 1970ern gebaute Segelflugzeug fällt sofort auf, da es ein markanntes V-Leitwerk hat.

Es war schon sehr eindrucksvoll zu sehen, was man mit einem Segelflugzeug so alles anstellen kann. Auf jeden Fall ein sehr spezieller Programmpunkt.

Helis gab es auch zu sehen, manche kamen als Gastflieger und wurden auf eine Parkposition dirigiert…

…andere, wie dieser kleine Robinson R44, boten unentwegt Rundflüge an. Der Quirrl war echt viel in der Luft.

Doppeldecker gabs, neben der Antonov, natürlich auch zu sehen. Dynamisch und agil, wie die Pitts…

..oder eher etwas langsamer, aber sehr stilvoll, mit der Bücker, bzw. dem Lizenzbau CASA 131. Den Flieger sieht man tatsächlich sehr häufig hier in der Region, ich meine, er ist in Mönchengladbach beheimatet.

So, und mit dem nächsten Highlight lasse ich es dann mit den Fliegern auch so langsam mal wieder gut sein. Die sehr eigenwillig aussehende PZL-106 KRUK ist schon ein spezielles Flugzeug. Das Agraflugzeug des polnischen Herstellers PZL flog, unter anderem, in der DDR. Die Maschine, die in Wesel zu sehen war, trägt die originale Lackierung und das alte DDR Kennzeichen. Das Flugzeuge wurde zum ausbringen von Düngemitteln oder in der Feuerbeämpfung eingesetzt. Bei seinem Display wurden dann auch diese Einsatzgebiete gezeigt. Dazu wurder Flieger erstmal von der Feuerwehr mit einer Tonne Wasser betankt, bevor es losging.

Einmal kurz am Boden die Sprüheinrichtung testen..

…und dann ging es los. Schon faszinierend, wie wendig der Flieger ist. Mit dem Wasseraustritt sah das schon cool aus.

…und im Löscheinsatz. Tolles Teil.

Und dann war da noch das Team Niebergall. Eine zwei Personen starke Kunstflugtruppe, die mit ehemaligen Militärtrainern vom Typ SIAI-Marchetti spektakuläre Manöver am Himmel zeigt.

Spannend dabei – Ralf und Nico sind Vater und Sohn. Der SWR hat zu den beiden Mal einen Clip gemacht, schaut gern mal hier:

Es war auf jeden Fall ein toller Abschluss dieses tollen Tages. Ich habe wieder viele nette Menschen getroffen, einer sehr guten Freundin versucht etwas von meiner Begeisterung für die Materie zu zeigen und faszinierende Flieger vor der Linse gehabt. Vielen Dank an alle, die das immer wieder möglich machen, trotz immer schwieriger werdender Umstände drumherum.

Meine Radtour war aber noch nicht zu Ende, ich wollte eigentlich von Wesel aus mit dem Zug wieder nach Hause fahren, es zeigte sich aber, dass eine ordentliche Planung durch nichts zu ersetzen ist. Ist habe nämlich leider nicht auf dem Schirm gehabt, dass die komplette Bahnlinie wegen Baumaßnahmen leider gesperrt war. Also habe ich nach Alternativen gesucht und in Xanten eine gefunden. Es war der nächste Bahnhof, von dem aus ich wieder in Richtung Krefeld aufbrechen konnte. Also ging es am Rhein entlang, an der Bisslicher Insel vorbei in Richtung Xanten weiter.

Landschaftlich ist das da einfach traumhaft. Viele Wiesen, keine Autos und frische Luft. Mir kamen dann auch etliche Menschen auf ihren Rädern entgegen und ich war gar nicht böse, ob des Umweges.

Der Zug nach Hause fähr, wenn er es denn tut, nur einmal in der Stunde und so langsam wollte ich dann doch nach Hause, also hab ich ein bisschen auf die Tube gedrückt. Das Nadelöhr war dann allerdings die Rheinquerung. Die fand nämlich nicht via Brücke, sondern mit der Personenfähre Keer Tröch II statt. Bis da alle Radelnden drauf untergebracht waren, dauerte das eine Weile.

Deshalb gibt es auch nur noch ein fixes Bild der „Baltimore“ auf ihrem Weg in Richtung Niederlande, im Hintergrund ist wieder der Sender Wesel zu sehen, und dann habe ich nicht mehr angehalten, bis ich im Zug saß 😉 .

Am Ende waren es gute 72 Kilometer und eine richtig schöne Tour. Wie immer hoffe ich, es hat euch gefallen, auch wenn es, mal wieder, ein bisschen viel Flugzeug-Content war. Mein nächster Beitrag hat davon deutlich weniger, versprochen 😉 . Auf jeden Fall freue ich mich, wenn ihr bis hier hin gelesen habt und sage – Dankeschön und bis zum nächsten Mal.

Euer Martin

 

2 comments

Kommentar verfassen