Der Fluss, der Kanal, die Brücken und der Heiratsantrag

Hallo zusammen,

ich hinke ein wenig hinterher, aber es ist halt immer irgendwie ne Menge zu tun. Erinnert ihr Euch noch an den vergangenen Samstag? Es war der 16. Februar und es war absolutes Traumwetter. Mild, sonnig und nur ein ganz kleines bisschen windig. Sich nicht auf ein Fahrrad zu schwingen wäre also fast ein Verbrechen gewesen. Also ging es los, dieses Mal wieder in meiner alten Heimat, ich startet auf einem Parkplatz in Duisburg Baerl. Direkt am Rhein führt dort ein Weg in Richtung Westen und, was soll ich sagen, es war einfach traumhaft zu radeln.

Auf der rechten Seite liegt der Rhein und links dehnen sich Wiesen und Weiden aus, zwischendurch immer wieder Kopfwieden und andere Bäume, die so typisch sind für den Niederrhein. Mein erstes kleines Etappenziel war die Fähre, die Orsoy mit Walsum verbindet. Auf dem Weg dahin, bin ich an einem Myriameterstein vorbeigekommen. Jetzt bin ich dort schon einige Mal langgelaufen oder geradelt, aber irgendwie ist mir dieser Stein bislang nie aufgefallen. Daneben steht ein Schild, welches die Funktion des Steines erklärt, durchaus spannend. Er dient der Vermessung des Rheins und steht dort seit 1863 und zeigt die Entfernungen bis zur Landesgrenze Preußen-Holland, nach Basel und Rotterdam und die Höhe über dem Amsterdamer Pegel an.

Weiter ging es über den zunehmend rumpeliger werdenden Weg nach Orsoy. Irgendwann führt der Weg vom Rhein weg und ich bin ein Stück an der Landstraße entlang gefahren, bis ich dann vor der evangelischen Kirche in der Mitte des Ortes stand. Ein bisschen Recherche erbrachte, dass der Vorläufer dieser Kirche bereits im 12 Jahrhundert hier stand und die Kirche eines der bedeutendsten Backsteingotik-Bauwerke am Niederrhein ist. Aha, wieder was gelernt. Hübsch ist sie auf jeden Fall.

Auch wenn Chris de Burgh meint, man solle den Fährmann erst nach der Überfahrt bezahlen, ich hab meine 2 Euro Reisekosten direkt beim auffahren auf die Fähre bezahlt und mich dann bei bestem Wetter über den Rhein schippern lassen. Zwei weitere Radler nutzten das Wetter und zusammen mit dem einen PKW hatten wir genug Platz um die Überfahrt zu genießen. Auf der anderen, Duisburger, Seite angekommen ging es den kurzen Anstieg auf den Deich hoch und dann links in Richtung Nordhafen Walsum. Seit die dortige Zeche stillgelegt ist, tut sich dort nicht mehr viel. Über die alte Hubbrücke, sie wurde in den 30ern gebaut und in den 1950ern wieder hergestellt, nachdem die Wehrmacht auf ihrem Rückzug die Konstruktion gesprengt hatte, bin ich dann nach Alt-Walsum gefahren.

Bei immer noch herrlichem Wetter bin ich dann weiter in Richtung Emscher gefahren. Unterwegs brummte dann dieser kleine Flieger über mich hinweg, ausgestattet mit einem Banner. Schon irgendwie romantisch. Leider kann ich nicht sagen, ob der Antrag zu Erfolg geführt hat, es ist auf jeden Fall mal ne nette Idee.

Hm, wie komme ich jetzt möglichst elegant von Hochzeit und Ehe zu Kloake und Abwasser? Gar nicht. Also, brutaler Schnitt, es ging weiter zum Emscher Radweg. Direkt am Fluss Emscher verläuft ein sehr angenehm zu radelnder Radweg. Ich bin bei Dinslaken aufgefahren und dann in Richtung Osten, also Duisburg und Oberhausen weitergefahren. In meiner Jugend wäre diese Passage noch nicht so angenehm gewesen, die Emscher diente, und tut es heute in Teilen immer noch, als Abwasserfluss. Heute wird aber auch viel in die Renaturierung investiert und die Klärung des Wassers ist auch eine deutlich andere als früher. Und der Radweg, nun, der ist wirklich klasse geworden.

Was mir auf immer mehr Touren positiv auffällt ist die Tatsache, dass es sich langsam zu einem Trend entwickelt, hässliche Strom- und Verteilerkästen bunt anzumalen. Mal machen das Profis, mal Kinder oder Anwohner, auf jeden Fall bringt es Farbe in den Alltag. Also ich finde das ziemlich klasse.

Vom Emscherradweg führte mich mein Weg dann auf die HOAG Trasse. Als jemand der lange in Grefrath gewohnt hat und auch in dieser Region hier radelt, bin ich ja quasi mit Bahnradwegen sozialisiert worden. Radwege, welche auf ehemaligen Bahntrassen angelegt wurden oder werden haben oftmals den, für uns Radler unschlagbaren, Vorteil, relativ eben zu sein. Die HOAG Trasse liegt auf der ehemaligen Güterzugstrecke der Hüttenwerke Oberhausen Aktien Gesellschaft, eben HOAG.

Wie an vielen Stellen im Revier vermischt sich auch hier Funktionalität mit Kunst und Umnutzung. Neben den stählernen HOAG Symbolen wird die Strecke auch durch übergroße, bunte Spielfiguren gekennzeichnet. Auch das, zusammen mit großen Streetarts an Brücken, eine weitere „Verfarblichung“ der Umgebung.

Es gibt wenig Stellen im Ruhrgebiet, an denen man den krassen Wandel, den diese Region durchmacht und durchgemacht hat nicht erkennen kann. In vielen Vorgärten stehen bepflanzte Loren, in vielen Straßen- oder Restaurantnamen findet sich die Geschichte der Montanindustrie und des Bergbaus. Auf meinem Weg über die HOAG Trasse bin ich durch Sterkrade gefahren und an der dortigen Schachtanlage inklusive Fördergerüst vorbeigekommen. Ich finde es klasse, dass es mit der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur eine Einrichtung gibt, die solche Bauwerke erhält und pflegt. Ist ja irgendwie auch ein Teil meiner Kindheit.

Auf dem Weg weiter zum Rhein-Herne Kanal bin ich dann auch am Johanniter Krankenhaus in Oberhausen vorbeigefahren. Ein wirklich schönes Gebäude und ein weiterer Zeuge der Vergangenheit. Das Krankenhaus ist auch im Zuge der Zechen und der Montanindustrie entstanden und ist somit auch Teil dessen, was die Industrie aus den Städten gemacht hat. Wenn man Zeit und Lust darauf hat, kann man sich hier stundenlang mit Recherchen beschäftigen und findet immer wieder neue, spannende Verweise und Ergebnisse.

Durch den Revierpark Vonderort ging es dann weiter nach Bottrop. Hier liegt ja eine Stadt direkt neben der anderen, Stichwort Metropolregion. Mein nächstes Zwischenziel war dann auch etwas ganz profanes, ein McDonalds Restaurant. Aber nicht wegen des großen Hungers, ich hatte Verpflegung mit, sondern wegen des Stroms dort ;). Ich hatte über Nacht mein Handy nicht aufgeladen und war so nur noch mit nem halbvollen Akku losgefahren. Und so langsam wurde es dünn. Und Bilder und Streckenaufzeichnung und Navigation brauchen halt Saft. Ich hatte zwar eine Powerbank dabei, aber wenn man für ne kleine Cola den Strom kostenfrei dazubekommt, warum nicht?

Gestärkt und aufgeladen ging es am Bottroper Bahnhof vorbei zum Rhein-Herne Kanal. Es gibt einen ganz schönen Radweg entlang des Kanals, auch wenn dieser sicher schon bessere Zeiten gesehen hat. Ziemlich rumpelig mittlerweile. Die Aussicht auf den Kanal und die vorbeiziehenden Schiffe, die vielen Brücken und die ganze Industriekultur haben aber durchaus ihren Reiz.

Entlang des Kanals ging es dann für mich nach Oberhausen. Dort am Gasometer vorbei und weiter zur Kanalschleuse in Lirich. Hier gab es durchaus nochmal einen kleinen Jugendflashback, früher habe ich hier oft mit Freunden gesessen, aufs Wasser geschaut und die wirklich wichtigen Fragen des Lebens besprochen. Dieses Mal habe ich nur kurz angehalten und einen Schluck getrunken. Trotzdem immer wieder schön, sich ein bisschen in die Zeit zurück zu versetzen.

An der Schleuse habe ich dann auch den Kanal überquert und bin weiter nach Duisburg gefahren. Erst noch ein ganzen Stück am Kanal entlang, dann aber nach Süden weiter über die Ruhr und die Ruhrauen auf den Ruhrdeich. Hier ging es dann einige Zeit neben der viel befahrenen Straße her in Richtung Ruhrwehr. Dieses Sperrwerk ist knappe 150 Meter breit und ist etwa 2 Kilometer vor der Ruhmündung in den Rhein. Direkt daneben gibt es eine Schleuse, so das die Schiffe von der Ruhr in den Rhein und andersherum fahren können.

Von hier aus war es dann nur noch ein Katzensprung bis zur Mündung. Dort findet sich das Kunstwerk Rheinorange. Ich habe mal gehört, es soll eine glühende Stahlbramme darstellen, auf jeden Fall sieht es imposant aus und der Name ist auch noch ein kleines Wortspiel. Das Teil ist orange und steht am Rhein, also Rheinorange, die Farbe, die auf dem Kunstwerk ist, ist zudem der Farbton RAL 2004, welcher Reinorange heißt.

Das Ende meiner Tour war nah, im Hintergrund sieht man schon das Kraftwerk in Walsum, also das Ende meiner Runde. Vorher ging es aber nochmal über den Rhein, klar, auf dem Hinweg bin ich ja Fähre gefahren und dann durch den Ortsteil Duisburg Homberg weiter in Richtung Westen. Der Radweg führt direkt zwischen Rhein und Industrie entlang….mit durchaus kleinen Herausforderungen 😉

Jetzt nur noch fix über die 1906 gebaute Hubbrücke über den Rheinpreußenhafen und dann noch ein bisschen am Deich entlang und ich hab es geschafft….dachte ich. Irgendwie ist mir durchgegangen, dass diese Brücke wohl schon seit einiger Zeit für Radler, Jogger und überhaupt jeden gesperrt ist. Ärgerlich, bedeutet dann doch noch einen kleinen Extraumweg für mich.

Kurz vor dem Ende der Tour kam mir dann noch ein Schiff mit militärischer Ausrüstung entgegen, auch nicht unspannend. Nachschub für die Mission Altlantic Resolve und das bald beginnende Großmanöver im Baltikum. Mit einem letzten Blick auf die beiden Brücken bei Baerl war es das dann auch mit meiner Tour.

Einen Relive Clip gibt es natürlich noch, ansonsten war ich nach den über 60 Kilometern dann doch etwas k.o., aber glücklich. Es ist schon eine spannende Ecke und gerade wenn dann überall noch Erinnerungen dazu kommen, rundet so etwas eine Tour wirklich ab.

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

9 Gedanken zu „Der Fluss, der Kanal, die Brücken und der Heiratsantrag

  1. Ein wirklich schöner Beitrag. Da hat das Wetter aber auch ordentlich mitgespielt oder? Ich bin im Moment auch noch auf der Suche nach den richtigen Verlobungsringen und der richtigen Location bei uns.

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