Geldern. Pennywise, der Knast und das schattige Plätzchen

Hallo zusammen,

nach einigen tollen Touren in die Niederlande zuletzt, hatte ich heute das Ziel Geldern. Ich mag es auch, einfach ziellos durch die Landschaft zu fahren, aber mit konkretem Ziel ist es auch mal ganz nett. Heute stand also Geldern und der dortige 40. Internationale Straßenmal- Straßenmusikwettbewerb auf dem Programm. Es ist ja schon verrückt manchmal, da lebe ich jetzt schon so lange in dieser Gegend, habe von dieser Veranstaltung aber noch nie was gehört. Ein riesiges Versäumnis, wie sich heute herausstellen sollte, aber los ging es erst mal im schönen Grefrath. Als erstes fiel mir auf, dass das Eiskunstlauf-Paar wieder da ist. Um 1980 herum wurde die Skulptur der Gemeinde Grefrath geschenkt, von ihrem alten Standort mussten die beiden unlängst weichen, dort wird gebaut, aber jetzt stehen sie, gut sicher, an einer Kreuzung. Netter Effekt, eine dieser Straßen führt zum Eisstadion Grefraths, es passt also ;).

Mein Weg führte mich also aus Grefrath Mitte heraus in Richtung Vinkrath und dann scharf rechts in das Naturschutzgebiet Grasheide und Muelhausener Benden. Bereits 1981 unter Naturschutz gestellt, offenbart die Landschaft eben die für diese Region typische Mischung aus trockenen und feuchten Wiesen und ist vor allem herrlich zu durchradeln.

Man kann von Grefrath nach Geldern auch über weite Teile an einer Landstraße entlang fahren, das ist dann zwar einige Kilometer kürzer, aber bei weitem nicht so angenehm. Auf der Fahrt nach Geldern wehte ein leichter, aber beständiger Rückenwind, so dass ich gut voran kam. Zu dieser Zeit gelang mir auch noch sehr erfolgreich die Verdrängung der Tatsache, dass es auf der Rücktour wahrscheinlich anders ist ;). Egal, ich kam gut voran und hielt jetzt auf Wachtendonk zu. Ganz kurz nach der Unterführung unter die Autobahn A40 radelt man an einer Kiesgrube vorbei und radelt dann durch den Ortsteil Schlick, bevor Wachtendonk auftaucht. Viele Gebäude dort stehen einzeln, der Ortskern sogar als Gesamtheit unter Denkmalschutz, die Straßenführung in Wachtendonk hat sich die letzten 300 Jahre nicht verändert. Über Kopfsteinpflaster fährt man an schönen Häusern vorbei und überquert die Niers auf verzierten Brücken. Ein wirklich netter Ort ist das.

Hinter Wachtendonk ging es dann wieder durch die Niersauen. Es ist schon so, irgendwie atmet jede Ecke Geschichte und wenn man aufmerksam durch die Gegend fährt oder geht, kann man vieles entdecken. So liegt in der Wachtendonker Niersaue das Haus Ingenraedt, erste urkundliche Erwähnung war 1402. Es liegt ein ganzes Stück vom Weg weg und man kann vorn außen nur Teile erahnen, trotzdem ist es spannend, dort traf sich im Dritten Reich der katholische Widerstand und der russische Maler Dimitri von Prokofieff verbrachte dort seinen Lebensabend. Seine Bilder zeigen häufig die Jagd…gut, muss man mögen, aber er war wohl recht erfolgreich damit. Nicht im Haus Ingenraedt, sondern an einer herrlichen Wiese unter einem tollen Baum habe ich dann eine Pause eingelegt. Hat was.

Freiheit, frische Luft und zwischen den Felder große Weiten. Für uns, wenn wir radeln, selbstverständlich, für die Insassen der JVA Geldern sicher nicht. Das große Wort „Sehnsucht“ auf der Gefängnismauer sticht ins Auge, die kleineren Kunstprojekte rund um das Gefängnis sieht man oft erst auf den zweiten Blick. Der Knast zwischen Geldern und Pont war 1979 bezugsfertig und bietet, aktuell, 679 Haftplätze. Neben einfachem „wegsperren“ bietet dieser Knast, als eine von wenigen Anstalten in NRW auch Berufsausbildungen an, netterweise geht der Ausbildunsgort aus den Gesellenbriefen nicht hervor, wäre vielleicht bei einer Bewerbung eher, na sagen wir, hinderlich.

Ja, und dann Geldern und die Straßenmaler. Es gab so unglaublich viel zu sehen. Ein, zwei Bilder zeige ich Euch hier, aber sie werden dem Treiben, der Stimmung und den vielen Künstlern vor Ort nicht gerecht. Die Malerinnen und Maler waren in verschiedene Kategorien eingeteilt, es gab die echten Profis, es gab Erwachsene und Jugendliche und natürlich Kinder. Die Stadt war voll mit Menschen und Kunst.

Bei den meisten Bilder war der Prozess noch gar nicht abgeschlossen, es wurde noch fleißig gemalt. Der heftige Platzregen gestern hat wohl auch seinen Teil dazu beigetragen, dass heute noch viele Bilder unfertig waren. Trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deswegen, war es absolut eindrücklich.

Über 600 Teilnehmer sind es jedes Jahr und auch heute war eine Menge los. Die wenigsten kriegen ihre Kosten gedeckt, deshalb ist es Usus, einen kleinen Beitrag in aufgestellte Büchsen und Tellerchen zu werfen, verdient ist das allemal.

Einige Bilder haben eine Botschaft, andere sind skurril und wieder andere einfach nur beeindruckend. Sagen wir es so, dort langsam entlang zu schlendern uns das Ganze auf sich wirken zu lassen lohnt auf jeden Fall.

Wie gesagt, die Profis aus der Kategorie „Meisterklasse“, wie hier oben bei Pennywise arbeiten neben- und miteinander mit Kiddies und Anfängern. Und so entstehen auch bei den Nicht-Profis tolle Ergebnisse.

Auch einige 3D-Bilder waren am Start. Diese waren so gemalt, dass man nach einem Blick durch eine Lupe den 3D-Effekt erkennen konnte. Auch hier gab es tolle Sachen zu sehen, einen Eierbecher mit Huhn, ein Krokodil oder diesen Adler hier zum Beispiel.

Mit einem Blick auf das, was aus Ernie und Bert geworden ist, nachdem es mit der Sesamstraße wohl nicht mehr so gut lief…

…verabschiedete ich mich dann so langsam auch wieder aus Geldern. Natürlich nicht, ohne noch eine kleine Stärkung für den Rückweg zu nehmen. Was soll ich sagen, es war lecker, aber die original Bamischeibe kann eben doch nur eine niederländische Frittenbude ;).

Jetzt aber. Ab in den Sattel und zurück in Richtung Heimat. Apropos Niederlande und Holländer, mein Weg führte mich aus Geldern raus am Holländer See vorbei, wie oben beim Haus Ingenraed schon geschrieben, alles hat ja irgendwie eine Geschichte, so auch dieser See. Als man in den 1870er Jahren einen Bahndamm baute, entstand dieser See, den Namen hat er, weil damals viele Niederländer am Bauprojekt beteiligt waren. Nun ja, schaut man sich an, wie heute in den Niederlanden Hafenbecken und Infrastruktur gebaut wird, war das sicher auch 1870 keine schlechte Idee.

Versteht mich nicht falsch, ich finde illegales Graffiti auch Mist und auch bei Sachbeschädigung hört der Spaß auf, als ich allerdings an einer Baustelle vorbei fuhr und das hier sah, musste ich dann doch schmunzeln…der Schmierfink hat auf jeden Fall einen guten Musikgeschmack…und es hängt so tief, er musste dafür nicht mal…..springen! 😉 ‚Tschuldigung….

Zurück bin ich einen ganz ähnlichen Weg gefahren wie auf der Hintour, mit dem, heute Morgen noch verdrängten Unterschied…Gegenwind. Und zwar richtig fies. In der App stand etwas mit 11 km/h, stellenweise fühlt es sich eher so an, als würde ich rückwärts fahren. Gerade auf den, zwar wenigen, aber flachen Landstraßen-Passagen war das schon anstrengend. Aber, man ist ja nicht aus Zucker und das gehört halt zum radeln dazu.

Vorbei an Heiligenhäusschen, Bauernhöfen und ab und an parallel zur Niers ging es dann wieder in Richtung Wachtendonk zurück. Genau wie auf der Hinfahrt habe ich wieder auf der schönen Bank unter dem großen Baum an der Langdorferstraße eine Pause gemacht. Wenn ihr mal in der Ecke seid, schaut es Euch an, da unter dem Baum zu sitzen ist herrlich. Wenn man dort sitzt, merkt man auch, wie viele Menschen heute auf dem Rad unterwegs waren, ständig fuhren, meist freundlich grüßende, Radler vorbei. Manchmal, aber nur manchmal ist das Leben ganz einfach und schön.

Hatte ich Morgens, mit Rückenwind, noch einen schönen Schlenker eingebaut, ging es jetzt auf direktem Wege zurück. An der Nette führt der Ponter Weg bis nach Wachtendonk, das ist zwar nur ein kurzes Stück, aber es ist herrlich zu fahren. Warum? Man rollt über einen leicht geschotterten Weg direkt am Fluss entlang, unter Bäumen hindurch und umgeben von Natur. Radeln at its best!

Tja, und dann war meine Sonntagstour auch schon fast wieder am Ende. Wachtendonk, unter der A40 durch, am Pfannkuchenhaus vorbei und schon war ich wieder am Ausgangspunkt der Tour. Es wird euch nicht überraschen, ich schreibe es trotzdem, die Tour, die Nennung von Firmennamen oder Institutionen war unbeauftragt und unbezahlt, ich hatte einfach nur meinen Spaß daran, Euch ein bisschen mitzunehmen. Wenn ihr dabei das ein oder andere interessante Ziel gefunden haben solltet, umso schöner. Ich hänge jetzt noch den Relive Clip an und sage ansonsten….bis zur nächsten Tour.

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Geldern. Pennywise, der Knast und das schattige Plätzchen

  1. Wir waren einen Tag vorher in Geldern und litten mit den Straßenmalern, die immer wieder von kurzen Schauern heimgesucht wurden. Danke für die Fotos von den fertigen Kunstwerken. Wir durften Anfänge und Regenplane erleben. Haben es trotzdem genossen und die Neueröffnung eines tollen Cafes jenseits der traditionellen Einrichtung bei einem leckeren Kakao mit Espresso genossen. Gruß Kalle (vorher im Schloss Oberhausen mit Park und Fix-und-Foxi-Ausstellung.

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