Von Duisburg nach Oberhausen – die zwei Halden-Tour durchs Ruhrgebiet

Hallo ihr Lieben,

wenn ihr mögt, nehme ich euch wieder mit auf eine Radtour. Auch dieses Mal ist sie unbezahlt und unbeauftragt, dennoch werde ich sie wohl nie vergessen. Das liegt nicht an der Tour an sich, die war schön, allerdings durch eine mir bekannte Ecke des Ruhrgebietes, nein, sie fing ganz fürchterlich an.

Mit dem Zug bin ich bis Duisburg Hochfeld Süd gefahren und wollte dort die Tour nach Oberhausen starten. Es gibt dort keinen Aufzug und als ich, das Fahrrad auf der Schulter, am Ausgang ankam klingelte das Telefon und mich ereilte die Nachricht vom Tod eines ganz besonderen und von mir sehr geschätzten Menschen. Das Radfahren ist für mich schon immer ein Ausgleich gewesen, manchmal auch ein Stückweit Realitätsflucht. Ich habe kurz überlegt, ob ich direkt wieder nach Hause fahren sollte, aber…allein auf dem Rad, den Kopf im Wind. Für mich ist das immer noch eine der besten Maßnahmen zum nachdenken oder an jemanden denken. Also ging es in Richtung Oberhausen los, wenngleich auch sicher nicht so „im jetzt“ wie ich es sonst bin.

Durch Wanheimerort bin ich als erstes in Richtung Heinrich-Hildebrand-Höhe gefahren. Kennt unter dem Namen wahrscheinlich niemand, ist aber die Halde, auf der die Installation „Tiger and Turtle – Magic Mountain“ steht. Auf dem Weg dorthin habe ich dann festgestellt, dass man auch in Duisburg die Kästen bemalt, und das sogar richtig cool.

Die „Achterbahn“ auf der Halde ist ja längst weit über die Grenzen von Duisburg hinaus bekannt und ein beliebtes Ausflugsziel geworden. An diesem frühen Samstagmorgen war ich aber allein dort oben.

Die Aussicht von dort oben ist ganz interessant. Viel Industrie und Logistik, das Kraftwerk der nahegelegenen Hütte oder die vielen Container des Rhein-Ruhr Terminals sind gut zu erkennen.

In die andere Richtung blickend erkennt man die evangelische Kirche in Wanheimerort und den Turm des ehemaligen Kraftwerkes der Stadtwerke in Duisburg.

Von der Halde aus ging es dann durch Angerhausen in Richtung Buchholz. Erneut sind mit toll gestaltete Strom- und Verteilerkästen aufgefallen. Das ist echt klasse, ich freue mich schon drauf, wenn das in Krefeld auch umgesetzt wird, da ist auch einiges in der Planung.

In Duisburg Buchholz befindet sich die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik mit ihren Fachabteilungen. Für mich ist besonders die Station des Rettungshubschraubers interessant. Christoph 9 ist einer von 18 Zivilschutzrettungshubschraubern des Bundes und so in das luftrettungsnetz in Deutschland eingespannt.

Als gebürtiger Duisburger bin ich mit dem orangenen Heli aufgewachsen und habe ihn, bzw. den Vorgänger, die BO-105, ständig über Duisburg gesehen. Irgendwie also auch ein Stück Heimat.

Direkt neben der Station beginnt das Naherholungsgebiet „Sechs-Seen-Platte“. Tolle Waldwege, die namensgebenden Seen und eine Menge frische Luft zeichnen das Areal aus, wichtig in der dichten städtischen Bebauung Duisburgs.

Auf der anderen Seite befinden sich aktuell große Freiflächen, dort gab es mal das Bahnbetriebswerk Wedau, dort soll neu gebaut werden. Ein wenig Infrastruktur ist noch vorhanden, ein Wasserturm und ein Spitzbunker zum Beispiel.

Lange Jahre, bis 2019, fuhr die Regionalbahn 37, „der Wedauer“ dort bis zur Station Entenfang. Unter anderem hielt der Zug auch an der Eisenbahnersiedlung Bissingheim. Seit es diese Traktion nicht mehr gibt, sind die Bahnhöfe stillgelegt und es rauschen nur noch die Güterzüge in Richtung Düsseldorf vorbei.

Von Bissingheim ging es bergauf in den Speldorfer Wald in Richtung Mülheim.

Ehe man sich versieht ist man schon in einer anderen Stadt, das geht im Ruhrgebiet ja fix. In Mülheim hat man die Idee mit den bunten Kästen allerdings auch. Und, hübsch sind sie auch geworden.

In Mülheim beginnt der RS1, ein Radweg, der im Grunde vieles von dem verkörpert, was man sich als radelnder Mensch so wünscht. Kreuzunsgfreie Übergänge, eine gewisse Breite, toller Belag, Beleuchtung und einfach ein gutes, privilegiertes Gefühl auf dem Fahrrad. Am Ende soll er mal bis Hamm führen, von Moers aus. Das wären dann etwa 115 Kilometer. Fertig sind davon bislang ganze 17, die sind allerdings wirklich toll.

In der Nähe der Feuerwache in Mülheim konnte ich dann diesen schönen alten Krankenwagen fotografieren. Hat irgendwie eine Menge Stil, oder? Ist Dir wahrscheinlich egal, wenn Du hinten liegst, aber von außen macht es was her 😉 .

Über die Ruhr gelangt man mittels ehemaliger Eisenbahnbrücke und auch sonst hat es einige Bauwerke im Zuge des Radweges gegeben, die das Radfahren angenehmer machen.

Ihr wisst ja, wenn ich irgendwo ein Flugzeug zu Gesicht bekommen, muss ich die Kamera drauf halten. Ist halt ein Reflex, kann man nix machen 😉 .

Das gute Stück hing neben dem Radweg in einem Baum, nun ja. Bunte Kästen gibt es auch in der Innenstadt, wie gesagt, ich finde das richtig, richtig klasse. 

Ich bin auf dem Radweg weiter gefahren bis zum Krupp-Park in Essen. Immer wieder konnte ich Straßen und Kreuzungen mittels Brücken überqueren, der Radschnellweg 1 ist ein wirklich tolles Projekt.

Das man ab und an in der Umgebung Fördergerüste finden kann, ist zum einen logisch, zum anderen aber auch wirklich schön. Als gebürtiges Pottkind finde ich es klasse, dass diese Vergangenheit immer mal wieder irgendwo auftaucht.

Unterwegs gibt es Parks, Restaurants, Springbrunnen und tolle Streetart. Wie gesagt, der Weg lohnt sich wirklich. Wenn ihr dort noch nie gefahren seid, macht das mal.

Am Krupp-Park habe ich den Weg dann verlassen und bin zum Stammsitz der Firma Thyssen gefahren. Das Gebäude dort ist wirklich sehenswert, spannende Architektur umgeben von Wasserflächen und Wegen. Ziemlich eindrucksvoll.

Nur einen Katzensprung entfernt könnt ihr euch das ursprüngliche Stammhaus der Familie Krupp anschauen. Quasi den Ort, an dem alles begann. Herrlich restauriert und an dieser Stelle aufgestellt. Infotafeln gibt es, natürlich, auch.

Auf recht direktem Wege bin ich dann in den Essener Stadthafen gefahren. Das Areal ist recht übersichtlich und liegt am Rhein-Herne Kanal. Als ich ankam wurden einige Schiffe entladen und ich habe dem Treiben ein wenig zu gesehen. Wer meinen Blog schon länger verflogt, der weiß ja, ich stehe auf Industrieatmosphäre, auf Schiffe und das ganze Drumherum.

Wenige Meter hinter dem Hafen habe ich dann den Kanal überquert. Ebenfalls über den Kanal und die Straße die ich benutzt habe, führt eine Brücke den Emscherschnellweg, also die A42 entlang. Auf den Pfeilern finden sich interessante Streetarts. Wie an anderer Stelle schon mal geschrieben, wenn man mit offenen Augen durch die Gegend fährt, kann man ne ganze Menge entdecken.

Auf dem Kanal fuhr gerade ein Boot der Wasserschutzpolizei in Richtung Stadthafen. Ich habe meinen Weg dann in Richtung Norden fortgesetzt.

Parallel zum Kanal verläuft in diesem Teil des Ruhrgebietes auch die Emscher, seit kurzer Zeit ist der ehemalige Abwasserfluss Schadstofffrei und sieht seiner Renaturierung entgegen. An vielen Stellen ist das bereits geschehen. Über eine Eisenbahnbrücke mit schmalen Fußgängerpfad bin ich auf die andere Seite gelangt. Züge fahren hier aber wohl keine mehr.

Auch wenn in der Verlängerung der Trasse ein Schienenbagger zu Gange war. Keine Ahnung ob da etwas an den Gleisen gemacht wird, oder ob sie entfernt werden.

Für mich ging es weiter nach Norden, nächster Halt war dann wieder etwas mit Zechenvergangenheit. Der Malakoffturm der Zeche Prosper. Diese massiven ummauerten Fördergerüste sind wirklich eindrucksvoll.

Das „Haldenereignis Emscherblick“ war das nächste Ziel, vielen wohl eher als „Tetraeder“ bekannt. Auf der Halde Beckstraße, knappe 120 Meter hoch, steht eine große Installation, begehbar und eindrucksvoll. Der Tetraeder. Das ist schon ne ziemlich coole Idee die man da im Ruhrgebiet hatte. Man hat etliche Berge an Aushub aus dem Bergbau, die ganze Landschaft ist verschandelt. Was macht man? Man begrünt das Ganze, setzt Kunst oben drauf und hat 1A Ausflugsziele. Chapeau! 😉

Die Aussicht von da oben ist wunderbar, andere Halden, ehemaligen Zechen, aktive Kokereien, viel Grün. Das Ruhrgebiet halt. Dass diese Halde auch noch die Lieblingshalde des in der Nacht zuvor verstorbenen Menschen gewesen ist, rundet das Bild für mich dann auch irgendwie ab.

Nach einer kurzen Snackpause ging es, durchaus rasant, wieder bergab und weiter in Richtung Oberhausen. An einer Wand habe ich dann dieses, zwar nicht soooo schöne, aber eben die Zeit wiederspiegelnde Graffito gefunden.

Über den Lange-Kamp-Weg, immer vorbei an Fernwärmerohren, ging es dann weiter.

An einer Kreuzung habe ich dann das rote Pferd getroffen. Umgekehrt hat es sich nicht, beeindruckend ist es aber schon 😉 . Das rote Pferd des Künstlers Johann Hinger weißt auf die wichtige Bedeutung des Pferdes in der Geschichte Bottrops hin. Und hübsch aussehen tut es auch.

Da wo früher die Zeche Jacobi stand, ist heute ein Golfplatz. Viel deutlicher kann Strukturwandel nicht aussehen. Am Platz vorbei führt ein Radweg, parallel zu einem Stück Mauer. Diese Mauer gehörte damals zu Zeche. Ruhrgebiet life.

Man radelt in dieser Region ja irgendwie ständig auf alten Bahnstrecken oder Industriegeländen umher. Für mich ging es dann weiter nach Osterfeld und zum dortigen Bahnbetriebswerk. Ihr wisst ja, Eisenbahnen finde ich durchaus spannend. Vor der großen Wartungshalle standen dann auch zwei Lokomotiven, beides Großdieselmaschinen, die ich echt faszinierend finde. Links eine Class 77, eine Weiterentwicklung der Class 66. Diese große Lokomotive kommt vor schweren Güterzügen zum Einsatz und fällt mit ihrem so ganz eigenen Lichtraumprofil in der deutschen Lokomotivlandschaft auf. Daneben steht eine „Ludmilla“. Den Spitznamen tragen die Lokomotiven der Baureihe 232 in Deutschland. Dieses Exemplar wurde 1975 an die Bahn der DDR ausgeliefert. Gebaut wurde sie übrigens in Lugansk, das ist in der Ukraine.

Noch ein paar Jahre älter ist die Lokomotive die an meiner letzten Station steht, am Museumsbahnsteig am Hauptbahnhof in Oberhausen. Die Jung ED 80 ist von 1971 und war in der Stahlproduktion im Einsatz. Seit 1998 ist sie in Rente und jetzt ist sie ein Exponat am Museumsbahnsteig.

In Oberhausen habe ich mich dann, mitsamt Rad, in einen modernen Zug begeben und bin zurück nach Hause gefahren. Wie immer hoffe ich, die Tour hat euch gefallen und ihr habt ein bisschen Spaß gehabt. Ich habe noch einen Relive Clip am Start und wie immer gilt natürlich, solltet ihr irgendwelche Fragen haben, immer her damit.

Passt auf euch auf, achtet auf eure Mitmenschen und fahrt vorsichtig.

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 comments

  1. Lieber Martin, es war wie immer ein Vergnügen deiner Tour „mitzuerleben“. Danke dafür und ich freue mich schon auf die nächste, LG Petra

  2. Hallo Martin,
    mein aufrichtiges Beileid.
    Dieses mal bin ich an manchen Stellen „in Erinnerung mitgefahren“, wir waren vor kurzem das erste Mal im Ruhrgebiet und sind sowas von begeistert. Es gibt so vieles zu entdecken und es ist immer wieder schön bei Dir die Berichte zu lesen.
    Viele Grüße, Brigitte

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