Von Mönchengladbach nach Düren – Tagebau, Natur und tiefe Einschnitte

Hallo zusammen,

wollt ihr wieder mit auf eine Tour? Gern. Mordor nennen es einige, Raubbau an der Natur und Lebensraumvernichtung andere. Aber auch totale Technikfaszination und beeindrucke Leistungen von Ingenieurinnen und Ingenieuren sind ein Teil der Wahrheit. Vielleicht ahnt ihr es schon, ich war mal wieder im Braunkohlerevier am Niederrhein unterwegs. Also, wenn ihr mögt, nehme ich euch, unbezahlt und unbeauftragt mit in die Region zwischen Mönchengladbach und Düren.

Vielleicht erinnert ihr Euch noch an mein Geständnis einen inneren Monk zu haben und es irgendwie schön zu finden, wenn sie alle Touren eines Monats irgendwie am Ende verbinden lassen ;). Ist ein bisschen bekloppt, aber nun ja. Zum ersten Mal habe ich HIER darüber gebloggt. Nun ist es aber so, dass ich Anfang des Jahres durch die Eifel nach Düren gefahren bin und diese Tour irgendwie völlig losgelöst auf der Karte herumschwirrt. Das geht ja irgendwie nicht, oder? 😉 Alle anderen Touren des Jahres hängen irgendwie zusammen, also wurde es Zeit, die Lücke zu schließen.

Los ging es also früh Morgens am Hauptbahnhof in Mönchengladbach am letzten Montag. Das Wetter war nicht optimal, sehr viel Feuchtigkeit in der Luft, sehr diesig, aber es blieb die ganze Tour über trocken. Vom Bahnhof bin ich rauf in den Skulpturenpark geradelt.

Das erste Etappenziel sollte das Stadion von Borussia Mönchengladbach, der Borussia Park sein. Unterwegs kam ich an diesem schönen Oldie vorbei.

In Mönchengladbach Dahl steht ein Wasserturm aus dem Jahr 1880. Ich muss zugeben, ich bin schon einige Mal mit dem Auto in der Nähe vorbei gefahren, bewusst wahrgenommen habe ich ihn aber noch nie. Logischerweise steht er auf dem höchsten Punkt dort in der Ecke.

Durch Holt hindurch ging es dann weiter in Richtung Stadion. Für manche Menschen ist der Fußball ja wie eine Religion, für andere ist die „klassische“ Religion aber die wichtigere im Leben. Aktuell tut sich, gerade die katholische Kirche mal wieder nicht leicht. Missbrauchsskandale, die um Verrecken nicht aufgeklärt werden, Bischöfe die sich wegducken und neulich erst der Skandal um den Segen, bzw. „Nicht-Segen“ für homosexuelle Paare oder andere Menschen die der LGBTQ-Community angehören. Autos, Flugzeuge, ja sogar Waffen kann man segnen, Menschen die sich lieben nicht – komische Auffassung die die Kirche da vor sich her trägt. Aber stimmt das denn überhaupt? Gibt es „die Kirche“? Das ist ein bisschen so wie „die Politikerinnen und Politiker“, „die Geflüchteten“ oder „die Rentnerinnen und Rentner“. Schaut man auf die Gemeinden vor Ort klingt das alles auf einmal ganz anders. Und so hat mich der Blick auf die Pfarrkirche St. Michael in Mönchengladbach Holt dann eben auch sehr gefreut. Kirche ist eben immer auch ein Stückweit das, was man vor Ort draus macht.

Wir leben in komischen Zeiten. Fährt man gewöhnlich auf das Gelände rund um den Borussia- und den Hockeypark zu, findet sich viel Werbung für kommende Veranstaltungen und das Parkleitsystem weißt auf freie Stellplätze hin, an Spieltagen brummt hier der Bär. Aktuell sind die Prioritäten halt woanders.

Wollen wir hoffen, dass schnell mehr Impfstoff nachkommt um weiter zu kommen. Kurze Zeit später stand ich dann vorm Stadion. Wann habe ich das letzte Heimspiel hier gesehen? Herrgott das ist ewig her. So langsam kribbelt es aber wieder und die Seele brennt nach Livefußball. Ein Luxusproblem, sicherlich, aber fehlen tut es mir eben doch.

Am „Fohlenplatz“, den Trainingsgeländen der Borussia vorbei führte mich mein Weg dann weiter nach Rheindahlen. Auch hier findet sich wieder ein Wasserturm, recht fix merkte man damals, Anfang der 1900er Jahre, dass der Turm in Dahl nicht ausreicht. Heute ist neben dem Wasserturm auch noch ein Museum, in Rheindahlen gab es ne Menge archäologisch wichtige Funde.

Ich weiß nicht genau wie die „Road to nowhere“ aussieht, aber so oder so ähnlich stelle ich sie mir vor. Bei dem trüben Wetter waren die folgenden Kilometer durch Felder und über asphaltierte Wirtschaftswege eher etwas, na sagen wir, reizarm.

In der Nähe des Flugplatzes Wanlo, auf dem leider so gar nichts los war, habe ich dann die Autobahn A46 überquert und bin in Richtung des Tagebaues Garzweiler gefahren.

In der Nähe von Hochneukirch gelang dann der erste Blick in das Loch. Immer wieder nimmt einen der Anblick gefangen. Wenn dann noch, wie am Montag, es so diesig ist, dass man nicht alles mit dem Blick einfängt, dann ist das schon beeindruckend.

Schaut man auf dem Foto auf den Pick Up, der neben der mittleren Kette steht, dann ahnt man ein wenig, wie groß diese Dinger sind. Auch die vielen verschiedenen Farben des Abraums sind faszinierend.

An der Abbruchkannte entlang kann man wunderbar radeln, ich war auch die meiste Zeit allein, hab wenig Menschen getroffen. In Jüchen gelang dann nochmal ein Blick in den Tagebau und auf einen der Absetzer, bevor es für mich zur nächsten Station der Braunkohle ging.

In einem Bogen ging es dann von Jüchen aus weiter, vorbei an Feldern und Wiesen. Rechter Hand lag der Tagebau, sehen konnte ich davon aber nichts mehr, die Felder waren zu hoch bestellt.

Ganz schwach im Dunst kann man auf dem letzten Foto links im Hintergrund die Schornsteine des Kraftwerks Frimmersdorf erkennen. Über, teils abenteuerliche, Radwege war genau das mein nächstes Ziel.

Die Braunkohle geht den selben Weg, also natürlich nicht über den Radweg, aber sie gelangt, mittels Förderbändern oder der Eisenbahn, vom Tagebau ins Kraftwerk. Früher Rheinbraun, heute RWE nutzen dafür ganz besondere Züge, die man außerhalb des Betriebs nicht zu Gesicht bekommt. Ganz spezielle Elektrolokomotiven sind dafür im Einsatz. Sie ziehen riesige Wagen. Zwei verschiedene Lokomotivtypen gibt es, die ältere EL1 und die neuere EL2000. Die Lok auf dem Foto vor dem Kraftwerk Frimmersdorf ist eine EL2000 aus dem Jahr 2008. Das Kraftwerk selbst ist in Reserve, zwei andere Kraftwerke in der Region verstromen die Kohle.

Keine 3 Kilometer Luftline entfernt liegt das nächste Kraftwerk, Neurath. Auch hier wird die Braunkohle aus den Tagebauen verstromt.

Hier hatte ich Glück, eine der älteren Lokomotiven brachte Kohle heran, eine EL1, Baujahr 1958!. Schon beeindruckend, dass die immer noch ihren Dienst tun. Auf dem Foto sieht man, wie die Wagen an den Seiten aufklappen und die Kohle in einen Bunker unter dem Zug fällt.

Irgendwie mag ich diese urige Form dieser ganz speziellen Lokomotiven. Wie zu Beginn dieses Postings geschrieben, der ganze Ablauf und die Maschinen üben schon eine besondere Faszination aus, zumindest auf mich.

Viel mehr als die Kraftwerke gibt es dort allerdings auch nicht zu sehen, also machte ich mich wieder auf den Weg. Düren sollte ja da Ziel sein, ein paar Kilometer hatte ich also noch vor mir.

Von Neurath führte mich meine Route also weiter, die nächste Etappe war Bedburg. Über Wirtschaftswege ging es dort hin.

In Bedburg fiel mir sofort die dortige Burg auf, heute in Schloss wurde die Burg, glaubt man der Wikipedia, bereits im 12 Jahrhundert erstmal erwähnt. Heute kann man dort heiraten und das Schloss ist ein beliebter Treffpunkt.

Von Bedburg aus habe ich mich dann auf den „Terra Nova Speedway“ gesetzt. Zwischen dem Tagebau Hambach und dem Kraftwerk Niederaußen führte mal eine Abraumbandförderanlage. Nach dessen Abbau wurde aus der Trasse ein Radweg, der Terra Nova Speedway.

Nach etlichen, schnurrgeraden, Kilometern kommt man am Tagebau Hambach an und kann erneut in ein großes Loch blicken. Auch hier sind die gigantischen Maschinen unterwegs.

An der Kante fährt man dann entlang in Richtung Terra Nova Forum, einem kleinen Museum und Aussichtspunkt. Dabei radelt man wie auf einem anderen Planeten, alle paar Meter stehen Pumpen und Warnschilder, auf den Skalen kann man kaum noch etwas ablesen. Dazu ist es überall latent sandig, leicht schlammig. Zumal bei diesem diesigen Wetter eine fast schon gruselige Atmosphäre.

Über die alte A4, längst aufgegeben da sie in der Ausdehungszone des Tagesbaus liegt, ging es weiter nach Manheim (alt).

Und damit sind wir auf der anderen, der schlimmen und, wie viele sagen, menschenverachtenden Seite des Braunkohletagebaus. Manheim (alt) ist nur ein Ort, aber er steht exemplarisch für so viele Ort die weggebaggert wurden. Man muss sich das mal vorstellen, da gibt es Dörfer, die sind hunderte Jahre alt, Traditionen haben sich von Generation zu Generation vererbt, an Gebäuden oder Einrichtungen, an Bäumen und Scheunen hängen Erinnerungen. Und dann kommt ein Bagger und mit einem Fingerschnipp ist alles weg. Und wofür? Damit das Licht angeht, wenn man den Schalter drückt. So sehr mich die Technik auch fasziniert, in weiten Teilen sogar begeistert, eine Fahrt durch einen Ort wie Manheim hinterlässt mich mit Fragen und Erschrecken. Statt eines Ortseingangsschildes steht dort eine Warnung, im ganzen Ort finden Abbrucharbeiten statt. Und so fühlt es sich auch eher so an, als würde man durch das ukrainische Prypjat radeln und nicht durch ein Dorf am Niederrhein. In einigen, wenigen Häusern wohnen noch Menschen, wie muss sich das anfühlen, wenn drumherum schon alles weggebaggert wird. Wenn man dann noch weiß, dass der Kohleausstieg beschlossen ist, das vielleicht gar nicht mehr nötig war….schlimm. Die Kirche, längst entweiht und vernagelt, ist vielleicht das kräftigste Symbol des Ortes….

Ich muss sagen, es hallt nach. Diese Entwurzelung der Menschen, heftig. Davon, dass man dringend andere Energielösungen finden muss, weil uns sonst das Klima implodiert ganz zu schweigen. Beim WDR gibt es ein paar Infos zu Manheim, hört gern mal HIER nach.

Über die verlegte Autobahn A4 ging es dann langsam weg vom Tagebau, hin in Richtung Düren. Entlang der A4 gibt es die „Bäume des Jahres“. Über eine längere Strecke sind dort Exemplare der Bäume gepflanzt worden.

Die letzten paar Kilometer bis nach Düren, meinem Ziel, waren dann wieder recht unspektakulär, es ging durch Wiesen und Felder….und das meist geradeaus.

Auf einer Bank, ganz kurz vor dem Ziel, lag dann noch ein Glücksstein. Sowas zu finden kann ja, zumal in der heutigen Zeit, nie schaden. Ich hab mich auf jeden Fall drüber gefreut und ihn natürlich für die oder den nächsten liegen lassen.

Und das soll es dann auch schon wieder gewesen sein. Ich hoffe, euch hat die Tour gefallen, trotz des Wetters und den tiefen Einschnitten in die Natur. Ich habe noch einen ReliveClip für Euch und wie immer gilt natürlich, wenn ihr Fragen habt, immer her damit.

Bleibt gesund und munter, kommt immer heil da an wo ihr hinwollt und fahrt vorsichtig.

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 comments

  1. Hallo Martin,
    ich bin heute echt speht dran.
    Wieder ein beeindruckender Bericht.
    Ich war das erste mal am Hambi, als die große Demo dort war.
    Herr Laschet hatte es tatsächlich geschafft, mich mit seinen Sprüchen „die Demonstranten sollten doch zu Hause bleiben, weil der Hambacher Forst sowieso nicht zu retten wäre“ so auf die Palme gebracht, dass ich das erste mal zu einer Demo gefahren war.
    Er wusste dabei genau, dass das Gerichtsurteil kurz bevorstand.
    Wenn ich darüber nachdenke, dass ein Kanzlerkandidat nicht mal die Urteile der Gerichte abwarten kann und sich vorab auf die Seite der GroßIndustrie schlägt, bekomme ich bis heute einen Adrelaninschub, einfach unglaublich das er die Gewaltenteilung in Deutschland untergraben wollte.
    ich sage nur gute Nacht, wenn dieser Herr Kanzler wird.
    So nun is aber gut.

    Liebe Grüße
    Dagmar

    1. Hi,
      das musste mal raus, oder? 😉 Ich verstehe Dich gut, ich hatte einen ganz ähnlichen Moment, als es um Artikel 13 und das Urheberrecht ging. Diese ganze Braunkohle-Geschichte ist schon echt vertrackt. Ich habe vor einiger Zeit mal mit einem Mitarbeiter von RWE gesprochen, er hatte fast Tränen in den Augen. Im Ruhgebiet werden die Kumpel verehrt, alles was damit zu tun hat ist Tradition, die Steinkohle hat das Land groß gemacht, jede und jeder hat Respekt vor der Arbeit. Im Grunde macht er jeden Tag nichts anderes, nur eben nicht 1000 Meter tief. Er wird dafür aber bespuckt, angegriffen, verurteilt und behandelt wie ein Aussätziger. Auch diese Seite kann ich verstehen.

      LG Martin

Kommentar verfassen