Bahntrassen, Zechen, Schiffe, Rettung aus der Luft und ein Lückenschluss – Von Krefeld nach Marl

Hallo zusammen,

es geht wieder aufs Rad, wenn ihr mögt, nehme ich euch auf die nächste Tour mit. Unbezahlt, unbeauftragt aber mit wundem Hintern und Spaß dabei 😉 . Wer hier schon länger mitliest, kennt meinen „Ich muss alle Touren miteinander verbinden“ Spleen. Hab ich vor ein paar Monaten mit angefangen und irgendwie hat sich das so fortgesetzt 😉 . Meine ersten Touren in diesem Monat waren in und um Krefeld , die letzte Tour führte mich von Holzwickede nach Marl-Sinsen. Das führte dazu, dass zwischen den beiden eine große Lücke klaffte.

Also war ja klar, in welche Richtung meine nächsten Touren gehen würden. Das ich das dann an einem freien Mittwoch in einem Rusch fahren würde, hatte ich so auch nicht geplant, aber es lief einfach irgendwie gut.

Los ging es also in Krefeld vor der eigenen Haustür, durch die Innenstadt in Richtung Uerdingen. Auf dem Ostwall findet sich, neben der Haltstelle Rheinstraße, auch die Kunstinstallation „Integration“ von Adolf Luther. 16 Stehlinsen stehen dort und spiegeln die Eindrücke und werfen ganz spannendes Licht an die Häuser.

Am Grotenburg Stadion und am Zoo vorbei führte mich mein Weg dann weiter in Richtung Krefeld – Uerdingen.

Die dortige Rheinbrücke ist tatsächlich immer wieder ein Hingucker, auf der Zufahrtsrampe zur Brücke hat man die Chance ein wenig auf das Gelände der Hafenbahn zu blicken. Dort rangierte gerade ein Güterzug, im Hintergrund ist die Burg Linn zu erkennen.

Richtig tolles Wetter war es am Mittwoch nicht, aber immerhin, meist, trocken. Von der Rheinbrücke aus schaut man auch auf die Drehbrücke in der Hafeneinfahrt. Da hatte ich vor einiger Zeit schon mal einen Clip zu eingebunden, wer sich dafür interessiert, kann aber hier gern noch ein paar Infos abgreifen 😉 .

Wenn man ein bisschen mit dem Teleobjektiv arbeitet, merkt man erstmal, welche Form die Rheinbrücke hat, man radelt nämlich ein gutes Stück bergan.

„Golden Gate“ am Rhein ist der Spitzname der Brücke über die die B288 führt. Nun ja, man müsste sie mal rot anmalen, sähe sicher cool aus.

Von der Brücke kann man im Hintergrund schon das Hüttenwerk HKM in Duisburg erkennen. 1909 gegründet und immer noch fleißig in der Produktion von Stahl.

Kurze Zeit, und ein paar Kilometer später, war ich dann auch in Duisburg-Hüttenheim und bin am Stahlwerk entlang geradelt. Ich habe echt ein Faible für Industrieanlagen und Industriekultur. Kommt man an einem Stahlwerk vorbei ist dort immer was los, man bekommt immer was zu sehen, zu hören, zu riechen, das Leben dort brummt, im wahrsten Wortsinne.

In der Nähe der Zufahrt zum Werk finden sich zwei Kunstwerke, die ich nach wie vor klasse finde. Ich habe beide auf diesem Blog schonmal vorgestellt, ich finde aber, sie sind so gut und wichtig, dass man das ruhig nochmal machen kann. Zum einen dieses Trafohäuschen mit dem Stahlkocher drauf, es passt in die Region wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Das Design ist von Marten Mindstates, die Facebook-Seite dazu findet ihr HIER. Ich finde es stark, jedes Mal aufs Neue, wenn ich dort vorbeiradel.

Das zweite Kunstwerk steht direkt am Eingang zum Werk und ist von den Azubis der Hüttenwerke angefertigt worden. Es erinnert an die Zwangsarbeit bei HKM im Zweiten Weltkrieg und wurde 2011 der Öffentlichkeit übergeben.

Wir haben Berge im Ruhrgebiet. OK, für jemand aus den Alpen sind es womöglich nur Hügel, aber immerhin. Sogar am Niederrhein haben wir welche. Wir haben die so lieb, wir bauen sogar Kunst oben drauf. Unsere Halden hier sind uns irgendwie ans Herz gewachsen, Trümmer, Müll oder, gerade in der Region hier, Bergbauabraum, haben unsere Berge hier geformt. Dieses Mal war ich auf der, im Vergleich zu den großen Halden bei Gelsenkirchen oder Bottrop, eher kleinen Halde „Heinrich Hildebrand“, eine Schlackehalde. Spannend ist bei dieser Halde allerdings eher was oben drauf steht, das Kunstwerk „Tiger & Turtle“, eine begehbare Großplastik. Die Landmarke ist mittlerweile überregional bekannt und ein beliebtes Ausflugsziel.

Die Aussicht von dort oben kann was, hier sieht man, beim Blick über Duisburg, die evangelische Kirchen Wanheim, das Landesarchiv, den Stadtwerketurm und, wenn man genau hinsieht, den „Niers-Express“, der gerade über die Hochfelder Eisenbahnbrücke den Rhein in Richtung Geldern überquert.

Von der Halde hinab war die Sechs-Seen-Platte mein nächstes Ziel. Am Rand dieses Naherholungsgebietes liegt die BGU, die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik. Dort ist der Rettungshubschrauber „Christoph 9“ stationiert.

Fast zeitglich mit mir kam der Heli mit seinem Team von einem Einsatzflug zurück.

Ich finde das immer wieder beeindruckend, wie schnell und präzise das System „RTH“ funktioniert. Exakt auf der Landeplattform stand der Heli nach der Landung. Sofort wurde er frisch betankt und stand dann wieder für neue Einsätze bereit, bereit Leben zu retten.

Mein Ziel war die Duisburger Stadtmitte und so bin ich dann durchs Naherholungsgebiet weitergefahren. Nächstes Etappenziel war das Stadion des MSV Duisburg.

Schauinsland-Reisen-Arena heißt das Stadion des MSV Duisburg offiziell, als gebürtiger Duisburger ist das Dingen für mich nach wie vor das Wedau-Stadion. Funfact am Rande, da die Grotenburg, an der ich Morgens vorbeigefahren war, ja seit einiger Zeit saniert wird, hat der KFC Uerdingen in der Saison 2018/2019 seine Heimspiele hier ausgetragen.

Auf dem Weg in Richtung Innenstadt fällt einem das „Global Warming“ Haus ins Auge. Seit 2017 erstrahlt die Fassade mit dieser Mahnung an uns alle wenn es um das Thema Erderwärmung geht. Das Werk ist vom philippinischen Künstler A.G. Saño und vom Duisburger Robin Meyer.

„Würfelkonstruktion“ heißt das Kunstwerk von Alf Lechner welches im Park vor dem Lehmbruck-Museum steht. Schon irgendwie treffend. 😉

Duisburg ist für mich immer wieder auch ein Beispiel dafür, wie der Wandel im Ruhrgebiet aussehen kann, wie man ganz wunderbar Altes und Neues miteinander verbinden kann. Im Innenhafen zum Beispiel ist, neben vielem Anderem, auch das neue Landesarchiv NRW entstanden. Moderne Räume und das Einbinden des ehemaligen Hochbunkers finde ich genial. Davor stehen zwei denkmalgeschützte Vollportal-Doppellenker-Wippdrehkräne, ich gebe es zu, DAS musste ich auch googlen 😉 . Die Kräne kenne ich aber seit ich ein Kind bin. Ich finde es ganz wunderbar, dass sie dort heute noch stehen und auf die industrielle Geschichte des Areals hinweisen. Diese Spannungen zwischen Alt und Neu und dem Bewahren von Industriekulisse gelingt Duisburg, wie ich finde, sehr gut.

Am Ruhrwehr habe ich dann die Ruhr überquert. Sie ist hier wenige Meter vor ihrer Mündung in den Rhein und führte bei diesem Foto schon eine Menge Wasser, normalerweise stürzt der Fluss hier hinab, aktuell ist es fast eine Höhe vor und hinter dem Wehr.

Zwischen Ruhr und Hafenkanal bin ich dann zum „Oberbürgermeister Karl Lehr Brückenzug“ gefahren. Diese Brücken überspannen die Ruhr, den Hafenkanal, den Vinckeweg und den Vinckekanal. Aktuell ist das Ganze allerdings eine große Baustelle. Wenn ihr weitere Infos zu dem Thema lesen mögt, schaut mal HIER.

Aus dem Hafenkanal lief gerade der schweizerische Binnentanker „Stanleystad“ aus. Er machte sich auf den Weg nach Antwerpen. Im Hintergrund kann man die Autobahn A59 erkennen.

Radelt man ein Stück weiter kann man in den Vinckekanal schauen und dort, am Vinckeufer, hat die Wasserschutzpolizei Duisburg ihre Wache. Das Polizeiboot „WSP 1“ ist seit 2011 im Dienst und ist eines der modernsten Boote auf dem Rhein, eine kleine schwimmende Kommandozentrale.
Wer übrigens bei „WaPo Duisburg“ zusammengezuckt ist, richtig, seit ein paar Wochen gibt es eine Vorabendserie der ARD die so heißt und auch in meiner schönen Heimatstadt spielt. Die Stories sind allerdings….nun ja. Sagen wir es so, es hat einen Grund, warum die echte Polizei nicht mit der ARD zusammenarbeiten wollte 😉 . Dabei ist der Alltag durchaus spannend, es gibt eine sehr schöne Doku im Rahmen der Reihe „Heimatflimmern“. Der Clip liegt auch noch in der Mediathek, wenn ihr mögt, schaut doch mal rein. HIER ENTLANG.

Vom Hafen aus bin ich dann auf einen Radweg parallel zur Bahnstrecke Ruhrort-Oberhausen weiter in Richtung Untermeiderich gefahren. Der Weg endet an der Unterführung, welche es dank „Harry Potter“ Streetart in letzter Zeit zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Leider sind die tollen Potter Kunstwerke schon wieder beschmiert und so eben leider nicht mehr wirklich fotogen. So ist das aber wohl mit Streetart. Es gibt aber noch einige andere Motive zu entdecken, dieses hier zum Beispiel.

„Der grüne Pfad“ ist eine ehemalige Bahntrasse. Sie führt von Meiderich bis nach Oberhausen und ist wunderbar zu fahren. Ich bin auf ihr bis kurz hinter dem Landschaftspark Duisburg Nord gefahren. Unterwegs gibt es schon die ein oder andere, ziemliche coole, Streetart zu sehen.

Im Landschaftspark, einem ehemaligen Stahlwerk und sicher einem DER Highlights der Industriekultur im „Pott“, finden sich noch mehr Kunstwerke.

Durch meine alte Heimat, Neumühl, führte mich mein Weg nach Hamborn. Quasi ein Stück auf meinem alten Schulweg 😉 Kinners wie die Zeit vergeht.

In meiner Kindheit war er immer ein Symbol für das „Nach-Hause-kommen“ nach Urlauben, der Wasserturm in Hamborn. 1898 gebaut steht er seit 2006 unter Denkmalschutz und er gehört einfach ins Stadtbild.

Nach dem Stahlwerk recht zu Anfang meiner Tour kam ich dann hier in Schwelgern am nächsten vorbei. Thyssen-Krupp Steel produziert hier Stahl und das Werk hat den Stadtteil geprägt. Wie gesagt, als gebürtiger Duisburger finde ich das alles faszinierend und der Anblick von Hochöfen, Werkseisenbahnen oder Fördergerüsten weckt immer noch Heimatgefühle in mir.

Ehemalige Bahntrassen sind ja mittlerweile beliebte Radwege geworden. Gerade im Ruhrgebiet gibt es etliche davon. Eine der bekanntesten dürfte wohl die HOAG Trasse sein. Die ehemalige Strecke der Werksbahn der Hüttenwerke Oberhausen Aktien Gesellschaft (HOAG) führt von Duisburg Walsum nach Oberhausen Sterkrade. Dort kann man dann wieder auf den „grünen Pfad“ oder den „Emscher-Weg“ wechseln. Die Vernetzung ist schon ziemlich cool hier im Revier. Ich bin auf jeden Fall in Walsum auf die Trasse aufgefahren.

Der Weg ist wirklich toll zu fahren, es gibt nur leichte Steigungen und man kommt gut voran. Und vor allem fährt man völlig unbeeindruckt von jeglichen Autoverkehr von Walsum nach Oberhausen. Besser geht es nicht.

Ein interessantes Detail der Strecke sind die Brücken. Sie haben immer Spielfiguren am Anfang und am Ende. Finde ich irgendwie eine tolle Idee. Hier zum Beispiel grüne „Püppchen“ in der Nähe der Emscherkläranlage mit ihren charakteristischen Faultürmen.

Ein ganzes Stück weiter trifft man dann auch auf Zechenkultur. Die Zeche Sterkrade, oder das was davon übrig ist, empfängt den Radelnden direkt neben dem Radweg. Und, wie schon gesagt, ich kriege bei so einem Anblick immer Heimatgefühle und mir wird warm ums Herz. Ruhrpottkind halt 😉 .

Und um dieses Gefühl noch ein wenig auszukosten bin ich danach weiter zum Bergwerk Prosper-Haniel gefahren. Es war das letzte Steinkohle-Bergwerk in Deutschland. Als damals, 2018, das letzte Stück Kohle an den Bundespräsidenten übergeben wurde, das war schon ein bewegender Moment, ehrlich gesagt.

Das nächste Ziel hieß Dorsten. Übrigens lese ich im schnellen drüberschauen auf den Ortsschildern immer wieder „Drosten“ statt Dorsten….hat wohl was mit dem Zeitgeist zu tun. Auf jeden Fall wird es ab Bottrop deutlich ländlicher, die Straßen gerader und man fährt länger schnurgerade.

Kurz vor Dorsten habe ich dann dieses Ensemble in einem Garten erblickt, spannend, was manche Menschen so anpflanzen. 😉

In Dorsten bin ich dann auf den Wesel-Datteln Kanal getroffen. Das Binnenschiff „Falkland“ war in Richtung Dorsten unterwegs und unterfuhr die Brücke auf der ich den Kanal überquert habe.

Es lief dazu, zusammen mit einem anderen Schiff, auf die Schleuse in Dorsten zu. Eine dieser beeindruckenden Schleusenanlagen mit Hubtoren.

Aus der Schleuse, in Richtung Wesel fahrend, kam ein Tankschiff. Wie cool es ist einen Tanker „Risico“ zu nennen darf jede und jeder hier selbst entscheiden 😉 . Nun ja, das Schiff ist 1991 gebaut und wohl ein häufiger Gast auf dem Wesel-Datteln Kanal. Das sagen zumindest einige Beiträge die ich in einem Binnenschiffer-Forum gefunden habe.

Danach ging es dann nach Marl, die letzten Kilometer der Tour und somit der Lückenschluss zum Ende der letzten Tour 😉 . Dabei kam ich natürlich auch hier wieder an Überbleibseln aus dem Bergbau vorbei, mal einzelne Loren in der Gegend..

…mal Fördergerüste. Kurz vor meinem Ziel war es dann die Zeche Auguste Victoria.

Und war es geschafft, ich war am Bahnhof Marl-Sinsen. Genau wie bei der Tour aus Holzwickede kommend habe ich noch ein wenig auf meinen Zug gewartet und konnte dabei noch ein bisschen Eisenbahnen gucken.

Dabei kam mir eine Vossloh G2000 vor die Linse. Immer wenn ich diese Lokomotiven sehe, wünsche ich mir, der Designer hätte sich das asymetrische Führerhaus gespart 😉 . Es gibt die Lokomotive auch mit einem symetrischen Führerstand, gefällt mir irgendwie besser. Nun ja, diese Lokomotive von „Independent Rail Partner“ rangierte auf den Güterzuggleisen herum und bespannte wenig später einen langen Güterzug. Da die Firma zu Lineas gehört, ging es wahrscheinlich in einen der großen Häfen, Rotterdam oder Antwerpen womöglich.

Und das soll es dann auch gewesen sein mit dieser Tour. Einen Relive Clip habe ich noch für euch. Wie immer gilt natürlich, solltet ihr Fragen haben, immer her damit. Ich hoffe, die Tour und der Bericht darüber haben euch gefallen. Etwas über 100 Kilometer waren es am Ende.

Bleibt gesund und munter, haltet die Ohren steif und achtet auf euch und eure Mitmenschen.

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 comments

  1. Lieber Martín,
    sehr unterhaltsam, Deine Tourbeschreibung – am liebsten will man selbst sofort losradeln.
    Mit der Liebe zum Pott, die Du hier auch beschreibst, ist es eine seltsame Sache. Ich bin gebürtig aus Namibia, habe ab Ende 20 sechs Jahre SEHR gerne in Bonn gelebt und bin dann aufgrund der beruflichen Erfordernisse meines Mannes in den Kreis Unna gezogen. Mit dem Hintergedanken, nach drei Jahren ziehen wir wieder weg. Und Ruhrpott, wie uncool ist das denn!
    Das ist jetzt 37 Jahre her 🤩. Und ich käme NIE mehr auf die Idee, wegzuziehen.
    Die Leute hier, die Landschaften und das Wahnsinnsangebot an Kultur sind einfach umwerfend ❤️‼️
    Sie haben mich zum Rhurpottriot werden lassen.
    Beruflich hatte ich es mal mit einem – der Sprache nach – Hardcore-Bayern zu tun. Der, befragt nach dem Woher und Wohin seines Lebens dasselbe sagte. Auch er war hin und weg. Wir konnten garnicht aufhören zu schwelgen, WIE freundlich und nahbar die Menschen hier sind…
    Es scheint unausweichlich 🤩, dass man mit diesem Gefühl angesteckt wird…
    Schöne Grüße
    Renate Schwietering

Kommentar verfassen