Hallo zusammen,
es stehen noch einige Touren aus, sobald es mal ruhiger wird (muuhahah) blogge ich auch wieder mehr, versprochen. Die Tour, auf die ich euch heute mitnehmen möchte, ziehe ich aber vor, weil mir die Eindrücke noch so frisch im Kopf sind. Dass sie unbezahlt und unbeauftragt ist, könnt ihr euch ja sicherlich denken, das sind sie bei mir ja immer. Heute mache ich aber zum ersten mal etwas, was bislang noch nie nötig war, ich baue eine
TRIGGERWARNUNG
ein. Die heutige Tour bringt Bilder mit, die durchaus verstörend wirken können. Es wird einen Friedhof zu sehen geben, aber auch aktives Kriegsgeschehen, Waffen, militärisches Gerät und Menschen in Wehrmachtsuniformen. Wen so etwas triggert, dem empfehle ich, nicht mehr weiter zu lesen oder zu scrollen.
Ich habe eine Radtour von Venlo über das niederländische Overloon bis nach Weeze gemacht. In Overloon befindet sich ein wirklich gutes Museum, welches den Zweiten Weltkrieg und die Schlacht in der Region zum Thema hat. Ich war dort schon oft mit dem Rad, habe da auch schon auf diesem Blog drüber geschrieben, aber dieses Mal gab es dort noch ein sogenanntes „Eyewitness Event“, ein „Living History“ oder „Reenactment“ Ereignis.
Ich war skeptisch. Wirklich. Ich schätze die Arbeit des Museums sehr. Sowohl die Exponate, als auch die Präsentation sorgen dafür, dass diese, oftmals verwirrende, Mischung aus Faszination für Technologie und Schrecken des Krieges nicht aus der Balance gerät.
Ums so zweifelnder war ich jetzt beim Eyewitness Ereignis. Krieg als Unterhaltung? In unseren Zeiten? Und dann auch noch Menschen in Wehrmachtsuniformen?
Nun, ihr seht gleich an den Bildern, ich habe mich drauf eingelassen. Die Veranstaltung ist sehr umsichtig und die gezeigten Aktionen sind in eine Geschichte eingebunden. Es gelingt dem Sprecher sehr gut, die Menschen in die richtige Stimmung zu versetzen. Die Hinweise auf die nur wenige hundert Meter entfernten Soldatenfriedhöfe und die Geschichte von Overloon sorgen dafür, dass wir hier kein „Spaßspektakel mit Waffen“ erleben, sondern eine sehr eindrucksvolle Demonstration, wie Krieg klingt, riecht und sich anfühlt. Die Darsteller wollen ihre Darbietungen als Hommage an diejenigen verstanden wissen, die ihr Leben in einem sinnlosen Krieg gegeben haben.
Das Leben an der Front, in Camps, in ständiger Gefahr, mit ständigem Lärm. Viele von uns kennen ein Gefecht, glücklicherweise, nur aus dem Film. Mal live zu erleben, wie hektisch sowas ist, wieviel Leid es mitbringt, wie laut Schüsse sind, was es macht, wenn man die Schreie der Verwundeten hört – all das den Menschen live zu zeigen. Ich weiß nicht, vielleicht ist das ein Weg, zu zeigen, dass wir sowas nie wieder brauchen.
Verzeiht die lange Vorrede, aber sie war mir wichtig. Los ging es, wie so oft, am Bahnhof in Krefeld. Mein Zug hatte Verspätung, natürlich, aber dieses Mal so wenig, dass ich den Anschluss in Viersen bekommen habe und pünktlich in Venlo war. Es war an einem Sonntag und so war der Zug und die Stadt recht voll mit Menschen, die shoppen gehen wollten. Der Ausstieg, vor allem aber der Einstieg der wartenden Reisenden, erfolgte unter dem wachsamen Blick der Koninklijke Marechaussee.

Ich habe mich vor dem Bahnhof erstmal eingecremt, die Sonne war schon richtig heiß und der Tag sollte lang werden. Ich habe mich dann so langsam aufs Rad geworfen und bin noch ein wenig durch Venlo gefahren.

Die Stadt ist wirklich schön und einen Besuch wert. Sie hat auch deutlich mehr zu bieten als „Die 2 Brüder von Venlo“ oder günstigen Kaffee.

Das alte Rathaus zum Beispiel ist ein echter Hingucker. Verschiedene Baustile machen es interessant und wenn ihr mal die Chance auf eine Führung habt – ergreift sie, besonders der Saal, in dem Empfänge stattfinden macht ordentlich was her.


Direkt an der Maas steht „De freedzame Krijger“, also „Der friedliche Krieger“. Eine Figur des Künstlers Rik van Rijswick. Mittlerweile ein echtes Wahrzeichen der Stadt.

Venlo ist eine der Partnerstädte meiner Heimatstadt Krefeld, sogar die, mit der der engste Austausch besteht. Es gibt sogar einen gemeinsamen Ausschuss. In diesem Jahr feiert diese Partnerschaft Jubiläum und im gemeinsamen Logo, gestaltet von meiner Kollegin Ramona, findet sich zum einen der Ponzelar, der Seidenweber, aus Krefeld und eben, stilisiert, auch der friedliche Krieger wieder.


Über die Maasbrücke führte mich mein Weg dann weiter an Blerick vorbei. Für Eisenbahnfans lohnt es sich immer mal ein bisschen langsamer zu fahren und den einen oder anderen Blick über den Zaun am Bahnhof in Blerick zu werfen. Dort gibt es ein kleines Bahnbetriebswerk und ab und an stehen dort interessante Lokomotiven.

Durchaus historisch, da weiß ich gar nicht, ob die noch aus eigener Kraft bewegt werden, aber auch durchaus kräftig und im Einsatz für Rangierverkehre zwischen Venlo Bahnhof und dem Containerterminal bei Blerick.

Die V100 hier zum Beispiel ist noch unterwegs. Historisch ist sie aber auch schon, sie wurde 1976 am die Reichsbahn der DDR ausgeliefert. Wer hätte wohl damals gedacht, dass sie 2024 Container durch die Niederlande zieht.

In Blerick bin ich dann auf den „Greenport Bikeway“ gefahren. Dieser Radhighway ist super ausgebaut und führt parallel zur Bahnstrecke in Richtung Nordwesten durchs Land.

Es gibt einen interessanten Punkt kurz hinter Blerick, eine archäologische Fundstätte. Dort wurde, unterirdisch, ein alter Bauernhof entdeckt. Überirdisch war an der Stelle noch eine über 200 Jahre alte Linde, der Baum wurde als Grenzbaum benutzt. Als das neue Containerterminal für die Bahn gebaut wurde, stand der Baum im Weg. Er wurde aber nicht gefällt, sondern in einer aufwändigen Aktion 40 Meter versetzt. Heute erinnert ein Kunstwerk an den Bauernhof. Nur wenn ihr am Radweg genau unter der Linde steht, ergibt sich aus den Stahlträgern ein Umriss des Hofes. Diese Erfahrung mache ich euch auch nicht mit einem Foto kaputt, da müsst ihr selbst mal hinfahren 😉 .


Der Vorteil des Radweges ist aber auch gleichzeitig sein Nachteil, finde ich zumindest. Er ist super ausgebaut und es geht darum schnell und sicher von A nach B zu kommen. Also tatsächlich ein wenig so, wie eine Autobahn. Allerdings ist er deshalb auch meist schnurgerade und bietet wenig Abwechslung.



Ich habe mir zwischendurch dann ab und an mal einen Zug angeschaut, bin ansonsten aber weiter nach America gefahren.

America hat knapp 2.000 Einwohnerinnen und Einwohner und das Ortsschild ist wohl eines der am häufigsten fotografierten in den Niederlanden. Ich sehe auf jeden Fall bei jeder Tour Menschen davor posieren und auch in vielen Tripreports auf Radfahrforen findet man Bilder davon 😉 . Ist ja auch irgendwie cool.

Vom America aus war mein nächstes Ziel Ysselsteyn. Dazu führte mich meine Route vom Greenport Bikeway weg und es wurde wieder ländlicher.


Das Radwegenetz in den Niederlanden ist klasse, das ist ja bekannt. An vielen Stellen kommt man mit dem Knotenpunktsystem wirklich gut zurecht. In immer mehr deutschen Regionen findet man dieses System ja mittlerweile auch.

Bestes Schild der Niederlande 😉

Auf dem Weg nach Ysselsteyn bin ich immer wieder auf kleine historische Gebäude gestoßen, die an die Geschichte der Region erinnern. Zum Beispiel diese Hütte hier. So kriegt man ganz nebenbei noch Infos aus der Region geboten.


Bis zum Soldatenfriedhof war es jetzt nicht mehr weit. Die Deutsche Kriegsgräberstätte Ysselsteyn beherbergt 31.598 Verstorbene. Hauptsächlich deutsche Soldaten, aber auch Russen, Polen und Niederländer, welche auf Deutscher Seite am Krieg beteiligt waren.


Der Ort bewegt mich, er sollte jede und jeden bewegen. Soviel Leid, so viele Tote. Schreitet man durch die Reihen und schaut sich die Daten an….junge Menschen, die eigentlich ihr Leben noch vor sich hatten…gestorben in einem sinnlosen Krieg. Solche Orte sollten uns mahnen, sollten uns lehren….ein Blick auf die Wahlergebnisse in unserem Land, ein Blick in die Ukraine, nach Syrien, nach Israel, nach Dafur….ganz offenbar lernt die Menschheit nicht…



Von der Stille des Friedhofes ging es dann mitten hinein in den Lärm eines Schlachtfeldes.

Rund um das Museum in Overloon waren Camps und Lager aufgebaut. Schauspielerinnen und Schauspieler stellten britische, amerikanische, einige ganz wenige kanadische und deutsche Soldatinnen und Soldaten dar. Wie anfangs schon beschrieben, gerade als Deutscher, fühlt es sich…komisch an. Nach langen Gesprächen mit den Darstellerinnen und Darstellern, aber auch nach der Geschichte die erzählt wurde, kann ich das alles aber als weitere Art der Vermittlung begreifen. Und, vielleicht ist es sogar durch das sehr immersive Erlebnis eine der eindrucksvollsten Arten der Vermittlung von Krieg.

Zum einen erlebt man als Besucherin und Besuch das „Leben im Feld“, also Feldposten, Feldküche, Kommunikation, Werkstätten und alles was dazu gehört, zum anderen finden sogenannte „Mock-Battles“ statt, also Scheinschlachten. Dabei wird Kampfgeschehen gezeigt, inklusive Schusswechseln, Verwundungen, Gefallenen und Pyrotechnik. Krieg ist nicht wie im Film, er ist blutig, laut, ekelhaft und er hinterlässt keine Sieger.

Ich habe hier einige Bilder des Geschehens für Euch, sie geben einen ganz guten Eindruck, wie es vor Ort ausgesehen hat. Diese Veranstaltung findet alle zwei Jahre statt.














Auch Großgerät kommt zum Einsatz. Die Grenze zwischen Faszination der Technik gegenüber und Abscheu ob ihres Einsatzes ist dünn, aber, für mich zumindest, ist sie den ganzen Tag über da gewesen.







Ob ihr euch eine solche Veranstaltung mal ansehen möchtet oder nicht, nun, das müsst ihr für euch entscheiden, ich fand es, im Nachgang, sehr eindrucksvoll und, ja, vielleicht sogar wichtig.
Zurück im, friedlichen, Hier und Jetzt war ich ganz froh, allein mit mir und meinen Gedanken einige Kilometer auf ruhigen, baumbestandenen Wegen, unterwegs sein zu können.

Da ich ja von Weeze aus zurück nach Hause fahren wollte, führte mich meine Route jetzt so langsam wieder in Richtung Westen, in Richtung Maas zurück. Unterwegs gab es noch einen Regionalzug zu sehen und in Vierlingsbeek stellen sich Niederländerinnen oder Niederländer spannende Dinge ins Fenster. 😉

Das ist doch, wenn ich das richtig sehe, eine 1A Bondage-Anleitung, oder? Ist nicht so meine Spielart, deshalb bin ich nicht total firm, meine das aber schonmal in anderem Kontext gesehen zu haben 😉

Von fesselnden Stücken in Fenstern ging es weiter zu fesselnden Informationen auf Infotafeln. Direkt an der Maas führte die Römerstraße „Via Valentiniana“ entlang. Teile einer Radroute zwischen Cuijk und Boxmeer verlaufen heute noch exakt auf dem Verlauf dieser Straße. An vielen Punkten gibt es Hinweistafeln oder stilisierte Helmsymbole auf dem Boden.

An der Maas angekommen habe ich kurz Pause gemacht und die Landschaft genossen, die Ecke da ist schon echt schön.

Wasserski wurde auch gefahren, man muss das tolle Wetter ja nutzen. Ich bin dann mit der Fähre über den Fluss gefahren und habe mich weiter in Richtung Osten gehalten.


Durch Bergen und Nieuwe Bergen hindurch führte mich mein Weg dann in die Bergse Heide. Wunderbare Landschaft, herrlich zu radeln. Wald und immer wieder weite Heideflächen.

Mitten in der Heide liegt dann auch ein schöner Schafsstall. Das Gebäude wurde 2002 einem alten Stall nachempfunden und beherbergt seitdem wieder Schafe.


Mein letzter Halt vor der Heimfahrt war dann, manche würden sagen „natürlich“, der Airport Weeze. Die Fotomöglichkeiten sind dort aber auch verdammt gut. Man kommt nah ran und irgendwas zu sehen gibt es eigentlich immer.

Vor allem den Platzhirsch Ryanair findet man immer irgendwie. Meist sitzen in den Jets auch nette Crews, die gern mal zurückwinken und grüßen.

Mit den letzten paar Kilometern bis zum Bahnhof in Weeze und der Rückfahrt mit dem Zug endet diese, wie ich fand, sehr eindrucksvolle Radtour. Ich hoffe, ich konnte euch ein paar Eindrücke vermitteln. Wenn ihr Fragen habt, immer her damit, sehr gern.

Ansonsten folgt hier, wie immer, das Versprechen, die vielen noch fehlenden Touren der letzten Monate nachzuliefern und der Wunsch, dass es euch gut ergehen möge, ihr auf eure Mitmenschen Acht gebt und immer vorsichtig fahrt.
Euer Martin