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Mama, Antonov, Kälte und eine herrliche Radtour

„Es ist das kälteste Weihnachten seit 15 Jahren.“

Hallo zusammen,

der Satz aus dem Radio hallt bei mir fast genauso nach, wie die Aussage der Meteorologin, durch den Ostwind fühlen sie die Temperaturen nochmal gute zehn Gerad kälter an, als sie sind. Bei wunderschönem Sonnenschein in den letzten Tagen, musste ich trotzdem aufs Rad, es war einfach zu herrlich. Also habe ich beschlossen am ersten Weihnachtstag zu meiner Mama nach Duisburg zu radeln. Dann kam noch die Info hinzu, dass am Morgen des 25. Dezember eine ukrainische Antonov An 26 vom Flughafen Düsseldorf abfliegt – also bot sich eine Radtour von Krefeld über Düsseldorf nach Duisburg an. Gesagt – getan. Wenn ihr mögt, nehme ich euch, virtuell, auf eine wunderschöne, aber ar**kalte Tour mit, unbezahlt und unbeauftragt, natürlich.

Los ging es früh am Morgen in Krefeld. Ich bin ganz klassisch in Richtung Krefelder Promenade geradelt. Sagte ich schon, dass es echt ziemlich frisch war 😉 ?

Die Lichtstimmungen am frühen Morgen, kurz bevor die Sonne aufgeht – das hat schon etwas ganz besonderes. Die Farben sind so intensiv, dazu die kristallklare Luft, es lohnt sich, so früh los zu fahren. In Strümp ging es dann in Richtung Rheinbrücke weiter.

Über der Landeshauptstadt färbte sich der Himmel langsam aber sicher intensiv lila, eigentlich hätte man die ganze Zeit fotografieren können, aber dafür musste ich die Handschuhe ausziehen 😉 , kein Vergnügen.

Bei fiesem Gegenwind ging es über den Fluss und hinein in den Lantz’scher Park in Düsseldorf Lohausen. Dort vorbei an der Villa Lanz hinein in den Stadtteil und weiter zum Flughafen.

Falls ihr euch so gar nicht für Flugzeuge interessiert, müsstet ihr jetzt vielleicht ein bisschen scrollen, ein paar Flieger habe ich dann doch fotografiert. Als ich ankam, wurde eine Boeing 787 von Qatar gerade aus der Parkposition geschoben.

Ganz in der Nähe stand dann auch das Objekt der Begierde, eine Antonov AN 26B der ukrainischen Frachtfluggesellschaft „Vulkan Air“.

Die Airline gibt es seit 1997, sie verfügt über drei Antonov AN 26B und hat sich auf besondere Frachtflüge spezialisiert. Ich freue mich immer sehr, Flugzeuge russischer, beziehungsweise ukrainischer, Bauart vor die Linse zu bekommen. Das war auch vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine schon selten der Fall, seit dem Völkerrechtsbruch Russlands ist es aber nochmal schwieriger geworden.

Seit der Corona-Pandemie ist die Besucherterrasse am Flughafen geschlossen, weshalb sich das Dach des Parkhauses P7 mittlerweile zum Hotspot der Flugzeugbegeisterten entwickelt hat. Wobei es an diesem Morgen eher ein „Cold“spot gewesen ist. Als ich dort ankam, waren schon einige andere „Verrückte“ vor Ort und in Gesellschaft harrten wir in der Kälte auf den Start der Antonov. Unterdessen brach die Boeing 787 von Qatar in wärmere Gefilde auf.

Mit aufgehender Sonnen hofften wir auf etwas Wärme, der eisige Ostwind hat aber gewonnen, die Handschuhe zum fotografieren auszuziehen war immer eine kleine Überwindung.

Irgendjemand sagte noch „Bescheuertes Hobby, vielleicht sollten wir doch Briefmarken sammeln.“ 😉 Da ist was dran. Wenn dann aber wieder ein Flugzeug startet, die Faszination kickt, es nach Kerosin riecht, das Geräusch der Triebwerke an die Ohren dringt und sich etliche Tonnen Flugzeug direkt vor einem in die Luft erheben, dann ist man sich doch schnell einige – Luftfahrt ist schon geil.

UR Airlines verbindet Düsseldorf mit dem irakischen Erbil und ist für mich immer noch ein Exot. Die Flotte besteht nur aus drei Flugzeugen, zwei Boeing 737 und diesem Airbus hier. 2019 gegründet hat sie sich mittlerweile ganz gut etabliert. Ich freue mich immer über Vielfalt und Abwechslung an einem Flughafen, da tut UR Airlines im Eurowings dominierten Düsseldorf ganz gut.

Das tiefe sonore Brummen der Propellertriebwerke der Antonov dröhnte über den Flughafen als unser Objekt der Begierde langsam zur Startbahn rollte. Also nochmal Handschuhe aus und draufhalten, ist aber auch ein toller Flieger.

Die mit UR-CQE registrierte Maschine hat eine bewegte Geschichte und könnte sicher eine Menge erzählen. 1985 flog sie für die russische Aeroflot, war sicher auch militärisch unterwegs, RAF Avia aus Lettland war auch schon Eigentümer, bevor es dann nach Belarus zu Grodno ging. Seit 2014 fliegt sie jetzt schon für Vulkan.

Nachdem das Dröhnen verhallt war, habe ich mich auch so langsam wieder auf den Weg gemacht. Zwei moderne Jets habe ich dann, quasi als Kontrast zur Antonov, noch fotografieren können, einem einen Airbus A220 von Air Baltic…

…und einen Airbus A330neo der Condor in der „Beach“-Lackierung. Für ihn und die Passagiere ging es nach Bridgetown….11,5 Sonnenstunden und 28 Grad….nun ja 😉

Am Angerbach entlang habe ich so langsam das Ziel Duisburg in Angriff genommen. Sich wieder zu bewegen tat gut und wärmte ein wenig auf. Das nächste Etappenziel war die Sechs-Seen-Platte, ein Naherholungsgebiet in Duisburg.

Dort bin ich immer mal wieder, am Rand dieses von Wanderwegen durchzogenen Seengebietes liegt die Unfallklinik mit ihrer Luftrettunsgstation des Katastrophenschutzhelikopters „Christoph 9“. Grüße gehen raus an die vielen Menschen, die auch über alle Feiertage hinweg Dienst für uns alle tun. Exemplarisch dafür sei mal die Crew des Rettungshubschraubers erwähnt.

Die Sechs-Seen-Platte ist 1912 entstanden, als dort jede Menge Kies ausgebaggert wurde, zum einen für den Bahnhof ganz in der Nähe, aber auch für Straßen und Infrastruktur. Mittlerweile ist es ein wirklich schönes Gebiet. Auf dem Wolfsberg steht ein Aussichtsturm.

Der Aufstieg lohnt sich, die Aussicht ist großartig. Neben den Seen und viel Wald kann man in der Ferne auch Industrie und Landmarken erkennen.

Hier zum Beispiel das Hüttenwerk HKM und, links im Bild, die Haldenkunst „Tiger & Turtle“. Dort oben zu stehen ist ein bisschen so, als würde man sich ein Wimmelbild anschauen.

Beim nächsten Bild zum Beispiel der Turm des Sportschule Wedau, die „Schauinsland-Reisen-Arena“ (ich sage allerdings immer noch Wedaustadion), die Salvatorkirche oder das Landesarchiv in Duisburg. Wie gesagt, man kann eine Menge entdecken.

…auch witzige Sticker auf den Stahlträgern.

Am Kreuz Kaiserberg vorbei ging es dann auf die Zielgerade zu meiner Mama. Dieses Mal gab es vor der großen Baustelle nicht mal einen Stau, ich war wohl früh dran, der große „Wir-fahren-mit-dem-Auto-zu-unseren-Verwandten“ – Run hatte noch nicht angefangen.

Binnenschiffer indes arbeiten auch an Weihnachten. Die „Ernst Kramer“, ein Binnenschiff von 1974, fuhr am Rhein-Herne Kanal an mir vorbei. Ist, trotz identischem Nachnamen, aber nicht mit mir verwandt.

Einen Katzensprung weiter rollte ich dann langsam in den Landschaftspark Duisburg Nord ein. Vorbei an der ehemaligen Gleiswage mit Blick auf den Hochofen ging es zum Radweg „Grüner Pfad“.

Ich liebe ja diese ganze Industriekultur im Ruhrgebiet. Es gibt immer wieder was zu entdecken, tausende Fotomotive, unfassbar viele Geschichten und Geschichte lauern an jeder Ecke. Ein echtes Eldorado wenn man neugierig ist.

Immer wieder vermischt sich das Alte mit Neuem. Ganz oft findet sich dann auch Kunst. „Neustadt“ heißt ein Projekt direkt am Radweg „Grüner Pfad“, welcher am Landschaftspark vorbei führt. Neustadt zeigt ikonische Bauwerke aus dem Ruhrgebiet im Maßstab 1:25. Alle sind „in Echt“ bereits abgerissen, hier leben sie verkleinert weiter. Irgendwie spannend. Infos dazu findet ihr HIER.

Durchgefroren und hungrig bin ich dann bei meiner Mutter aufgeschlagen. Es gab leckeres „Mama-Essen“ und gute Gespräche. Seien wir ehrlich, besseres Essen als das, was Mama kocht, gibt es eh nicht, oder? Ich bin für vieles in meinem Leben sehr dankbar, meine Freundinnen und Freunde, meinen Beruf, meine Gesundheit, meine Hobbies, vor allem aber für meine Eltern. Ich habe da sehr Glück gehabt und weiß das auch. Deshalb tat dieser Weihnachtstag in Duisburg auch sehr gut.

…auch, aber sicher nicht nur, wegen des Essens 😉 .

Es ist Winter, die Tage sind kurz, so war mir schon klar, dass ich die Rückfahrt wohl in die Nacht hinein werde antreten müssen, nach dem Essen und der warmen Gemütlichkeit in meinem Elternhaus, war der Sprung in den Sattel und die Abfahrt in die Kälte nicht ganz so einfach, aber hilft ja nix 😉 . Erneut ging es auf den „Grünen Pfad“ und am Landschaftspark vorbei.

Neben der „Neustadt“ Kunst lohnt es sich auch immer mal auf die Wände von ehemaligen Kohlenbunkern oder anderer Strukturen im ehemaligen Stahlwerk zu werfen. Streetart ist dort ein großes Thema. Oftmals mit wirklich genialen Ergebnissen.

Es braucht allerdings mittlerweile Schnelligkeit, vermeintliche „Fussballfans“ haben es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, auch die genialsten Kunstwerke mit einem schlechten „MSV Ultras“ Tag zu verunstalten. Ziemlich armselig, finde ich. Zumal es ja eigentlich den Codex gibt, bestehende Streetart nicht zu besprayen – mit der Ehre scheint es bei den Schmierfinken dann allerdings nicht so weit her zu sein. Bei den Festtags-Wünschen war ich auf jeden Fall schnell genug….und schließe mich diesen an.

An wem kommt man in Duisburg nicht vorbei? Richtig, Schimanski. Während die Tatorte damals liefen, war man in Duisburg gar nicht so begeistert davon, zeigten sie doch ein ruppiges, schmutziges und abgeranztes Bild der Stadt. Heute ist der Charakter Kult und er hat sogar eine eigene Gasse im Stadtteil Ruhrort….inklusive Büste. Sehr gut!

Sieht zwar aus wie Deko aus einem NYPD-Film in der Bronx, ist aber Teil einer Außengastro, die gerade direkt am Hafen aufgebaut wurde. Die Wäre tat richtig gut.

Vom Feuer losgerissen gings durch Ruhrort weiter, vorbei an der Oscar Huber. Die Oscar Huber ist ein „Seitenrad-Schleppdampfer“ und gehört zum Binnenschifffahrtsmusem. Er ist der Letzte seiner Art und als gebürtiger Duisburger bin ich mit Besuchen auf diesem Schiff aufgewachsen, es gehört quasi zu Duisburgs DNA.

Ebenso ikonisch ist der Stadtwerketurm. Normalerweise sind Schornsteine ja geschlossen, hier sind die Rohre sichtbar. Das Ganze steht unter Denkmalschutz und ist, gerade auch durch die, normalerweise grüne, Beleuchtung zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Ob die rote Beleuchtung etwas mit Weihnachten oder dem Bordellviertel direkt darunter zu tun hat, entzieht sich meiner Kenntnis 😉 .

Die Farben des Himmels am frühen Morgen waren beeindruckend, die Farben am Abend können aber durchaus auch etwas.

Ende der 1980er Jahre gab es heftige Proteste gegen Stahlwerksschließungen in Duisburg. Im Januar 1988 zogen 50.000 Stahlkocher aus ganz Deutschland zur Rheinbrücke in Duisburg Rheinhausen. Vertreter der Jugendwerkstatt von Krupp hatten ein Stahlschild mit der Aufschrift „Brücke der Solidarität“ gefertigt – bis heute hängt es an der Brücke. Die Stadt Duisburg hat den Namen offiziell übernommen. Auf meiner Heimfahrt bin ich über eben jeden Brücke geradelt.

An Friemersheim und Uerdingen vorbei ging es zurück nach Krefeld. Ein kurzer Stopp am Krefelder Rathaus und dann ab in die Wohnung und vor allem unter die heiße Dusche.

Gute 90 Kilometer waren es am Ende, frisch, aber auch wirklich schön. Es hat sich gelohnt, diese Tour mit dem Rad zu machen. Ich hoffe, euch haben die Einblick gefallen und ihr habt schöne Feiertage hinter und vor Euch.

Bleibt gesund und munter, gebt Acht auf Euch und Eure Mitmenschen und fahrt vorsichtig.

Da ich nicht genau weiß, ob ich dieses Jahr noch einen Blogbeitrag schaffe, möchte ich mich hier auch schon mal für ein tolles Jahr mit Euch bedanken. Ich kriege regelmäßig für meine Beitrag sehr positives und wohlwollendes Feedback, ich mache „dieses Internet“ auch beruflich und weiß daher, dass das alles andere als selbstverständlich ist. Umso dankbarer bin ich dafür, dankbar für jeden Kommentar hier oder in sozialen Netzwerken, dankbar für jedes Like und jede Nachfrage. Ohne Eure Reaktionen würde das hier alles nur halb soviel Spaß machen. Also, Danke!

Kommt gut ins neue Jahr, wir lesen und sehen uns.

Euer Martin

 

 

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