Hallo zusammen,
heute würde ich euch gern von einer Dienstreise erzählen, die, zumindest für mich, alles andere als gewöhnlich war. Als Teil einer kleinen Delegation der Stadt Krefeld hatte ich die Chance in die Ukraine zu reisen und die Menschen in unserer Projektpartnerstadt Kropywnyzkyj zu besuchen. Eine Reise, die mich berührt, gefreut und nachdenklich gemacht hat. Aber, der Reihe nach…
Seit 2023 gibt es eine trinationale Partnerschaft zwischen den Partnerstädten Krefeld und Venlo und der ukrainischen Stadt Kropywnyzkyj. Die Stadt liegt etwa 4 Autostunden südöstlich von Kyiv und ist die Hauptstadt der Oblast Kirowohrad. 2024 war Andrij Rajkowytsch, der Bürgermeister von Kropywnyzkyj bei uns in Krefeld um über die Situation vor Ort zu berichten, dabei bedankte er sich nicht nur für die Geld- und Sachspenden aus Krefeld, er sprach auch eine offizielle Einladung für einen Gegenbesuch aus.
Jetzt war es also soweit, in meiner Funktion als Mitarbeiter des Presseamts der Stadt Krefeld habe ich diesen Besuch begleitet. Zusammen mit Oberbürgermeister Frank Meyer, einer Journalistin und einem Mitarbeiter aus dem Büro des Oberbürgermeisters waren wir zu viert. Mein Job war es, Foto- und Filmaufnahmen für uns, also die Stadt, aber auch für die daheimgebliebenen Medien, Print, Radio und TV anzufertigen. Als ich gefragt wurde, ob ich teilnehmen möchte, musste ich nicht lange überlegen, mir war das Signal wichtig. Die Planungen für diese Reise liefen schon vor dem unsäglichen Besuch Wolodymyr Selenskyjs im Weißen Haus, dieser Eklat machte es für mich aber nochmal klarer, wir müssen den Menschen vor Ort zeigen, dass wir sie nicht vergessen.
Ehrlicherweise kam diese Entscheidung nicht bei allen Menschen aus meinem Freundeskreis und direkten Umfeld uneingeschränkt gut an, die Sorge mich in ein aktives Kriegsgebiet reisen zu lassen trieb einigen von ihnen Sorgenfalten auf die Stirn. Beim einen oder anderen erntete ich auch komplettes Unverständnis. Mir war diese Reise aber sehr wichtig.
Inhalt
- Die Anreise
- Der Tag in Kropywnyzkyj – eine emotionale Achterbahnfahrt
- Kriegsschäden – Der Besuch eines Umspannwerks
- Fassungslosigkeit und Trauer – Soldatenfriedhöfe
- Außerschulisches Lernen
- Die große Bühne
- Schule in Zeiten des Krieges
- Kyiv
- Videos
Die Anreise
Und so stand unser Grüppchen dann an einem Sonntag Morgen am Flughafen in Düsseldorf. Die Reise zum Zielort würde lang werden. Über der Ukraine herrscht aktuell ein Flugverbot und so konnten wir nur eine kurze Etappe der knapp 2.200 Kilometer langen Reise per Flugzeug zurücklegen. Frank Meyer hat dem WDR noch ein kurzes Interview gegeben und dann ging es los. LOT hat uns mit einem Embraer 195 pünktlich nach Warschau geflogen. Es war ein ruhiger und entspannter Flug und so waren wir um die Mittagszeit in der polnischen Hauptstadt.
Die Weiterfahrt sollte mit dem Zug von statten gehen. Knappe 16 Stunden waren dafür veranschlagt, losgehen sollte es um kurz vor 18 Uhr vom Bahnhof Warschau Ost. Mit einem freundlichen Uber-Fahrer ging es dann erst vom Flughafen zum Bahnhof, dort haben wir unser Gepäck eingeschlossen und die „Proviant-Einkaufen-für-den-16-Stunden-Trip“-Lage geprüft, bevor wir noch kurz in die Altstadt gefahren sind. Es war mein erster Besuch in der polnischen Millionenstadt, aber sicher nicht mein letzter. Tolle Fassaden, jede Menge Details zu entdecken und auf jeden Fall mal eine Reise in Ruhe wert. Nach einem Mittagessen ging es dann zurück zum Bahnhof.
Mit einigen Flaschen Wasser und Cola, sowie ein paar Nahrungsmitteln ging es dann auf den Bahnsteig zu unserem Zug. Der Schlafwagen ist mit zwei Schaffnern besetzt, die die Fahrt bis nach Kyiv begleiten und ansprechbar sind. Die Verständigung klappt mit Englisch und Händen und Füßen einigermaßen, es kann losgehen.
Bis hierher hat sich das Ganze für mich noch ein wenig wie Urlaub angefühlt, das Wort Kyiv auf der Anzeigetafel zu sehen, machte die Reise, und vor allem das Ziel, dann schlagartig realistischer und ich habe mir schon Gedanken gemacht, was mich erwartet. Die Installation einen Luftalarm-Warnapp gehört jetzt auch nicht unbedingt zur Vorbereitungsroutine einer Reise.
Die Liege-, bzw. Schlafwagen waren urig und jeweils zwei von uns haben ein Abteil bezogen. Bei voller Auslastung sind diese kleinen „Zimmer“ auch mit drei Personen belegbar. Das ist dann allerdings schon sehr eng. Zu Zweit ging es aber. Die Betten sind übereinander angebracht, wobei das Mittlere im „Tagmodus“ die Lehne des Unteren ist, welches dann auch als Sitzbank dient. Wir haben allerdings meist im Gang gestanden und gequatscht, so war auch ein wenig Durchzug gegeben, die Luft war schon recht warm im Zug.
Die Fahrt führte uns dann aus Warschau heraus in Richtung Osten und in die Nacht hinein. Die Wagen schaukelten ordentlich und uns wurde wohl allen schnell klar, die Reise wird ein Abenteuer, aber mit den Zügen die wir aus dem Fernsehen kennen, wenn Olaf Scholz oder Joe Biden in Kyiv ankommen, hat unser Transportmittel wenig gemein. Irgendwann, es muss irgendwann um kurz vor 1 Uhr in der Nacht gewesen sein, standen dann Grenzkontrollen und das Umspuren an. Nach der Kontrolle durch die polnischen Zöllner fuhr der Zug langsam in eine große Halle, schwach gelblich beleuchtet. Überall hingen „Fotografieren verboten“ -Schilder und es wuselten Arbeiter in Warnwesten und mit Helmen um den Zug herum. Dieser wurde dann komplett angehoben und die Fahr- und Drehgestelle ausgetauscht. Bei uns und in Polen liegen Gleise mit einer Spurweite von 1435 Millimetern, in der Ukraine liegt die Breitspur mit 1520 Millimetern. Deshalb werden die Wagen umgespurt. Ein unglaublich lautes und eindrucksvolles Spektakel. Ich konnte leider nicht fotografieren, auch deshalb nicht, weil unser Zug komplett hintereinander bearbeitet wurde, aber der Blogger „Rail Dude“ hat eine ähnliche Reise 2021 unternommen und auch ein paar Fotos in seinem Bericht. Schaut gern mal hier nach, seine Reise war ganz ähnlich, in Details, wie zum Beispiel der Grenzkontrolle, unterschied sie sich aber dann doch. Sie war aber auch vor dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. HIER GEHT ES LANG
Nachdem der Zug jetzt also auf den richtigen Rollreifen für die Fahrt nach Kyiv stand, rollte er sehr langsam einige Meter und kam dann wieder zum stehen. Die Grenzkontrolle auf ukrainischer Seite stand an. Die Zöllner in Flecktarn waren freundlich, aber wortkarg und verschwanden mit unseren Reisepässen für eine gute Stunde. Nach der Rückkehr hatten wir einen Stempel im Pass und wurden mit den Worten „Good luck – you will need it“ in die Ukraine entlassen.
Richtig schlafen konnte ich nicht, aber sich mal lang machen, die Beine ausstrecken, das tat schon gut.
Langsam wurde es draußen hell, vor den Fenstern wechselten sich Birkenwälder mit Feldern ab. So langsam habe ich realisiert, was für ein großes Land die Ukraine ist.
Pünktlich lief unser Zug in Kyiv ein, beeindruckend nach dieser langen Fahrt. Die Verabschiedung bei den Schaffnern war herzlich, der Empfang auf dem Bahnsteig ein erster emotionaler Höhepunkt. Aus Kropywnyzkyj war eine kleine Delegation in die Hauptstadt gekommen, um uns abzuholen.
Am Bahnhof in Kyiv ist mir dann das aufgefallen, was die ganze Reise über ein Begleiter bleiben sollte. Die Details. Auf den ersten Blick sieht man nicht sofort an jeder Ecke, dass die Ukraine ein Land im Krieg ist, auf den zweiten Blick dann schon. Direkt im Bahnhof fielen Sicherheitskontrollen, Poster die für die Armee werben und Splitterschutzvorhänge vor den Fenstern auf. Auch die Eile unserer Begleitung, möglichst schnell aus Kyiv rauszukommen war spürbar. Also ging es ins Auto und ab in Richtung Südosten, ab in Richtung Kropywnyzkyj.
Nach weiteren vier Stunden Reise, dieses Mal im Auto, unterbrochen von einer Essenspause, kamen wir im Hotel an. Anders als auf meinen bisherigen Reisen gab es hier beim Check-In allerdings keine Weginfos zum Spa oder zum Frühstücksraum, der erste Hinweis galt dem Schutzraum im Keller. Bei Luftalarm sollte das der „Place to be“ sein.
Spätestens jetzt war uns klar, wir sind da und das Land ist im Krieg. Nach einem gemeinsamen Abendessen mit unseren Gastgebern war der Weg Richtung Bett dann doch echt nötig. Lange schlafen war allerdings nicht angesagt, in dieser Nacht, gab es direkt einen Luftalarm. Das ist schon sehr eindrucksvoll, die App schrillt los und die Sirenen in der Stadt beginnen zu heulen. Ich stand senkrecht im Bett und der Blick geht zur App. Die Symbole waren längs einstudiert, sind es Drohnen? Oder eine Rakete? Gibt es schon Einschläge? Unfassbar, dass die Menschen das hier seit drei Jahren jede Nacht mitmachen.
Der Tag in Kropywnyzkyj – eine emotionale Achterbahnfahrt
Wirklich ausgeschlafen war ich nicht, die Luftalarme und die Situation an sich waren dann schon aufreibend. Unsere Gastgeber hatten für uns ein dichtes und intensives Besuchprogramm ausgearbeitet, los ging es natürlich mit der offiziellen Begrüßung im Rathaus.
An dieser Stelle sei mir vielleicht auch der kurze Einschub erlaubt, mich für die tolle und fürsorgliche Begleitung zu bedanken. Dass, was die Kolleginnen und Kollegen aus Kropywnyzkyj da auf die Beine gestellt haben, ist schon aller Ehren wert. Vor allem aber bin ich dort auf ausnahmslos sehr feine und gute Menschen getroffen. Das Wort „Freunde“ ist so ein großes Wort, aber für mich fühlt es sich schon so an, als hätte man dort Freunde getroffen. Ich bin für diese Erfahrung sehr dankbar. Trotz Luftalarmen und immer wieder mulmigen Gefühlen, habe ich mich in der Gegenwart der Menschen um mich herum alles in allem sehr sicher gefühlt.
Schon in Kyiv sind mir ja die Details aufgefallen, die spüren lassen, dass eben nicht alles „normal“ ist. Noch bevor wir das Rathaus betreten haben, fiel mir eine digitale Steele auf, recht groß und mit einem Touchscreen. Anders als bei den Kunstmuseen in Krefeld, wo solche Steelen für Werbung genutzt werden, haben die Menschen hier die Möglichkeit zu schauen, was mit ihren Angehörigen an der Front ist. Jedes Mal die Hoffnung, dass der Sohn, der Mann, die Tochter oder die Freundin hier nicht auftauchen. Wie gesagt – Details.
Bürgermeister und Leiter der regionalen Militärverwaltung Kirowohrad, Andrij Rajkowytsch hat den Krefelder OB Frank Meyer empfangen und begrüßt, es gab Gespräche und auch vor den dortigen Ratsmitgliedern wurden Reden gehalten und Geschenke ausgetauscht.
Das alles war von einer, so kam es mir auf jeden Fall vor, enormen Herzlichkeit und Offenheit begleitet. Ich habe mich sehr wohl gefühlt und konnte super arbeiten, also filmen und fotografieren. Meine Kolleginnen und Kollegen des Presseamts von Kropywnyzkyj und auch die lokale Presse waren auf jeden Fall auch zugegen und haben eine Menge Bilder gemacht und O-Töne gesammelt.
Kriegsschäden – Der Besuch eines Umspannwerks
Der nächste Programmpunkt hat dann mit Wucht gezeigt, dass in der Ukraine vieles aktuell eben nicht „normal“ ist. Ein paar Kilometer ging es aus der Stadt hinaus zu einem Umspannwerk. Ein Mitarbeiter führte uns über das, gut bewachte, Gelände und zeigte uns Kriegsschäden.
Eine mutmaßlich russische Rakete und Drohnen haben hier Transformatoren zerstört und auch eine Betonumbauung als Schutz wurde durchschlagen. Es ist schon etwas anderes solche Schäden „in Echt“ zu sehen, als in Dokumentationen im TV.
Andrij Rajkowytsch ist in seiner Funktion als Leiter der regionalen Militärverwaltung Kirowohrad in der Regel bei Schadensaufnahmen nach Angriffen vor Ort und so konnte er uns einige Bilder der Wirkungen des letzten Angriffes zeigen.
Schon sehr eindrücklich.
Fassungslosigkeit und Trauer – Soldatenfriedhöfe
Ich glaube, der nächste „Programmpunkt“ war für uns alle emotional extrem fordernd und er ist es auch, der mich noch sehr lange beschäftigen wird. Gleich zwei Soldatenfriedhöfe haben wir besucht, der erste ist den Gefallenen rund um die Verteidigung der Krim gewidmet, das war bereits sehr eindrücklich.
Der andere Friedhof ist aktuell. Über 500 Gefallene liegen hier und der Platz wird gerade erweitert. Ich habe mich dort mit Angehörigen unterhalten, die Geschenke und Blumen auf die Gräber gelegt haben, Freunde, Söhne, Verlobte, Ehemänner liegen dort, Lebensgeschichten, die abrupt beendet wurden. Wir kennen Soldatenfriedhöfe aus der Normandie oder aus Ysselsteyn, auch dort lassen mich die Gräber nicht kalt, auch dort wird mir schmerzhaft bewusst, wie viele jungen Menschen ihr Leben verloren haben – aber doch, hier, in Ukraine zu stehen, Luftalarme zu erleben und umringt von Menschen einen Friedhof zu besuchen, die JETZT ihre Lieben verloren haben, nicht vor 70 oder 80 Jahren, jetzt.
Eine, für mich, ganz heftige Erfahrung. Ich bin unseren Begleiterinnen und Begleitern sehr dankbar, dass sie uns so nah an sich heran gelassen haben. Niemanden hat dieser Besuch kalt gelassen, uns nicht, die Menschen vor Ort aber natürlich auch nicht.
Außerschulisches Lernen
Umso heftiger war der Bruch zum nächsten Besuchsziel. Ein Zentrum in dem Kinder und Jugendliche außerhalb der Schule zusammen kommen können und lernen. Hier waren es vier Bereiche, die wir uns angeschaut haben, zum einen ging es um Coding und Programmieren. Das war schon cool und die Kiddies haben uns einiges gezeigt.
Neben einer Gruppe, die sich mit dem Nähen von Textilien beschäftigt hat, gab es auch noch eine Schreinerei und eine Küche. Auch hier haben wir eine Menge gezeigt und erklärt bekommen. Ehrlicherweise fand ich es am schönsten, zu sehen, wie unbefangen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren und dass wirklich viel gelacht und gescherzt wurde. Nach der sehr angespannten und traurigen Atmosphäre auf den Friedhöfen, war dieser Besuch Balsam auf die Seele – und zeigt, wie groß die Diskrepanz zwischen Krieg und Alltag ist.
In der Küche gab es übrigens Warenyky. Leute, diese Dinger sind der Hammer 😉 . Es sind halbmondförmige Teigtaschen, die mit allem möglichen gefüllt werden. Genial war dabei die Füllung mit Kartoffeln oder Fleisch. Die Teile gibt es auch als Nachtisch, dann sind sie gezuckert oder mit Honig bestrichen und mit Kirschen gefüllt. Ein echtes Highlight, sage ich euch.
Die große Bühne
Das Theater in Kropyvnytskyi ist beeindruckend. Wir hatten das Privileg eine Auswahl an Darbietungen gezeigt zu bekommen. Tanz war dabei, Schauspiel und Gesang. Schon beim betreten des Gebäudes war ich beeindruckt. Ein wirklich wunderschönes Gebäude.
Der Saal ist einfach wundervoll und je länger man schaute, umso mehr Details fielen auf.
Das Bühnenprogramm fand ich gut und abwechslungsreich. Für uns als Deutsche wirkten einige Szenen schon sehr nationalistisch, der Grund dafür dürfte aber jeder und jedem klar sein. Es standen auf jeden Fall beeindruckende Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne.
Nach der Vorstellung wurden noch einige Interviews für die lokale Presse gegeben und dann sind wir ein paar Meter durch die Stadt gelaufen. Das war richtig schön.
Schöne Fassaden wechselten sich mit solchen ab, die ein bisschen Farbe gut vertragen könnten, aber die Vorstellung hier, im Sommer, im Frieden mit ein paar Freunden zu flanieren, die Gastro zu besuchen und einfach ein bisschen Spaß zu haben war schon sehr greifbar.
Schule in Zeiten des Krieges
Nach einem gemeinsamen Essen stand dann der letzte Besuchspunkt auf der Liste, eine Schule. Dort war ich beeindruckt von der Selbstverständlichkeit, mit der digitale Tools im Unterricht genutzt werden. Vor Ort, aber auch für digitalen Unterricht für Kinder und Jugendliche, die nicht in der Schule sein können.
Beklemmend war der Gang hinunter in den Schulbunker. Im Falle eines Luftalarms wird der Unterricht dorthin verlegt. Und da ist er wieder, der Krieg. Die Schulpsychologinnen und -psychologen, die jede Klasse hat, kümmern sich dort nicht nur um „Herz-Schmerz-Dinge“ und typische Schulprobleme junger Menschen, sondern auch um die Ängste, die Bombardierungen und Unterricht im Luftschutzkeller auslösen.
Der Tag war faszinierend, anstrengend, wunderbar, traurig, intensiv, fassungslos machend und eindrucksvoll. Mit einem gemeinsamen Abendessen klang er aus.
Schon beim Essen merkten wir eine gewisse Anspannung bei allen. Die Ukraine hatte in der Nacht zuvor Moskau mit Drohnen angegriffen und die Gefahr von Angriffen von russischer Seite aus lag in der Luft. Kurz vor der nächtlichen Ausgangssperre waren wir wieder im Hotel. Die Nacht sollte unruhig werden. Dreimal gab es Luftalarm, mitten in der Nach und am frühen Morgen. Am Ende ist eine Rakete in ein Hotel gute 30 Kilometer von uns entfernt eingeschlagen. Der ständige Blick auf die Apps und die entsprechenden Kanäle schlaucht. Wie muss das für Menschen sein, die das jede Nacht erleben. Schrecklich.
Kyiv
Unsere Rückreise begann am frühen Morgen mit einer herzlichen Begrüßung unserer Gastgeber. Dann ging es ins Auto und ab in Richtung Kyiv. Die Situation im Land war durchaus angespannt, in der vergangenen Nacht hatte es viele Angriffe gegeben und so richtig wussten wir nicht, wie der Tag werden würde. Wir sind aber gut durchgekommen und hatten in Kyiv noch die Chance uns ein paar Dinge anzuschauen. Es gab dann noch eine Liveschalte zum WDR, den Kolleginnen und Kollegen dort hatte ich am Abend vorher schon Videomaterial für ihren Beitrag geschickt, zusammen mit dem Interview am Flughafen vor der Abreise und dieser Schalte jetzt wurde der Beitrag dann rund.
Kyiv selbst würde ich mir sehr gern nochmal in Ruhe anschauen. Die Mischung aus kommunistischen Prunkbauten und hochmoderner Architektur sah aus dem Autofenster schon sehr spannend aus. Auf dem Platz vor dem St. Michaelskloster haben wir kurz angehalten und uns umgesehen. Auch hier ist der Krieg allgegenwärtig, auch hier gibt es Wände mit Bildern der Gefallenen.
Die Abfahrt des Zuges in Richtung Warschau war für kurz nach 20 Uhr geplant. Davor sind wir noch gemeinsam beim Essen gewesen und haben dort auch die ehemalige Generalkonsulin der Ukraine aus Düsseldorf, Iryna Shum, getroffen. Sie arbeitet jetzt wieder im Ausministerium in Kyiv und ist im Grunde die „Geburtshelferin“ unserer Partnerschaft zu Kropyvnytskyi. Es waren gute, ernste, aber auch lustige Gespräche bei Tisch, über allem lag aber eine gewisse Wehmut. Das war zum einen der generellen Lage in der Ukraine, aber auch dem nahenden Abschied gschuldet.
Als wir am Bahnhof ankamen, war dieser gerade evakuiert und geschlossen worden, es herrschte Luftalarm und Bahnhöfe sind immer potenzielle Ziele. Und so endete unser Besuch so, wie er angefangen hatte, der Krieg ist immer da. Nach der Wiederöffnung des Bahnhofes hatten wir noch ein paar Minuten Zeit, standen vor dem Zug und haben uns verabschiedet. Das ging mir sehr nah. Ein großer Freund von Abschieden bin ich eh nicht, aber während wir nach einigen Stunden Fahrt wieder im Frieden sind, ich mich mit Menschen in sozialen Netzwerken auseinandersetzen muss, die ernsthaft glauben uns in Deutschland würde es schlecht gehen, fahren diese Menschen da vor dem Abteilfenster wieder vier Stunden zurück in eine Stadt im Krieg.
Die Fahrt zurück war ähnlich wie die Hinfahrt lang, strapaziös und da zu diesem Zeitpunkt in der ganzen Ukraine Luftalarm herrschte, da die russische Seite Kampfjets gestartet hatte, auch angespannt.
In Warschau habe ich noch ein Video für unsere eigenen städtischen Kanäle aufgenommen und dann stand der Rückflug an. Auch hier hat alles wunderbar geklappt, der Flug war pünktlich und der Anflug auf Düsseldorf, eine Stadt im Frieden, im Sonnenuntergang einfach schön.
Videos
Ich verlinke euch hier mal den Beitrag von den Kolleginnen und Kollegen des WDR und das Video, welches meine wunderbare Kollegin Ramona mit meinen Videoschnipseln erstellt hat.
Seit dem frühen Abflug in Düsseldorf am Sonntag zurvor haben wir im Grunde kaum geschlafen, hingen die meiste Zeit zusammen und haben Achterbahnen der Gefühle erlebt. Als am Donnerstag Abend, nach der Heimfahrt, eine Freundin hat mich vom Flughafen abgeholt, hinter mir die Wohnungstür ins Schloss gefallen ist, habe ich Rotz und Wasser geheult. Diese Reise hat eine Menge mit mir gemacht und wird noch sehr lange nachhallen. Ich habe immer noch die Apps auf dem Handy, schaue recht regelmäßig, wie die Lage vor Ort ist. Ich schreibe immer wieder mit den Menschen dort und mache mir Sorgen, wenn ich lese, dass die Stadt angegriffen wurde, dass Russland generell die Angriffe in der Oblast dort verstärkt. Wisst ihr, ich fand das alles auch vor dieser Reise schon schrecklich und verabscheunungswürdig, aber es ist nochmal etwas ganz anderes, wenn dort nicht „die Ukrainerinnen und Ukranier“ angegriffen werden, sondern Katja, Dimitri, Andreij, Iryna oder Mykhailo. Ich bin den Menschen vort Ort sehr dankbar für die unglaubliche Gastfreundschaft, für die vielen Momente des Besuchsprogramms, aber gerade auch für die Momente abseits des offiziellen Teils. Die Gespräche, die Dankbarkeit, der Durchhaltewille, der Trotz, mit dem die Menschen vor Ort jeden Tag aufstehen und ihr Leben leben, die Zugewandheit, das Lachen, das Weinen. Danke an alle, die diese, meiner Meinung nach so wichtige, Reise möglich gemacht haben. Das gilt explizit auch für die Menschen hier in Krefeld, die sich gekümmert haben, die organisiert und geplant haben und, dafür ganz besonders, die an uns gedacht haben, die sich Sorgen gemacht haben und uns vielleicht in das ein oder andere Nachtgebet eingeschlossen haben. Danke.
Es wird Zeit, dass das Töten aufhört. Allerdings kann ein Frieden, meiner Meinung nach, nur nach den Bedingungen der Ukrainerinnen und Ukrainer geschlossen werden. Kein Diktator mit Allmachtsphantasien und kein ausländischer Präsident, in welchem ovalen Büro auch immer, hat das Recht über den Kopf der Ukraine hinweg Entscheidungen zu treffen. Wie lautet dieser Satz noch gleich: „Hört Russland mit dem Krieg auf, ist der Krieg beendet – hört die Ukraine mit dem Krieg auf, ist die Ukraine beendet.“ In diesem Sinne – Slava Ukraini.
Euer Martin
