Hallo zusammen,
heute wurde es laut vor dem Krefelder Rathaus. Eine Gruppe Jugendlicher hatte sich auf einen Demonstrationszug vom Platz der Wiedervereinigung bis zum Rathaus gemacht, um gegen die Wehrpflicht zu demonstrieren. Unsere beiden großen Tageszeitungen haben bereits online darüber berichtet und sowohl unter dem RP Artikel als auch unter dem Posting der WZ finden sich, ich möchte fast sagen, die üblichen, meist dummen Kommentare, oftmals gegen die Jugendlichen selbst.
Erlaubt mir ein, zwei Gedanken zum Thema. Die Kommentare sind hohl, dumm, beleidigend und einer sachlichen Diskussion weder dienlich noch würdig. Selbstverständlich ist es in unserem Land gutes Recht und Sitte, für seine Überzeugungen auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Ob man dafür die Schule schwänzen muss, nun ja, wenn ich so überlege, wofür ich die Schule geschwänzt habe, da ist eine politische Meinungsäußerung sicher OK.
Und wisst ihr was ganz wunderbar ist? Dass sowas in unserem Land möglich ist. Das alles. Eine Demonstration, direkt vor dem Rathaus, Schülerinnen und Schüler, die sich lautstark äußern können und ein Blogbeitrag wie dieser hier, der nicht einer Netzzensur zum Opfer fällt. Und damit kommen wir zu meiner Sicht auf den Inhalt der Demo. Ich verstehe die Jugendlichen sehr gut. Im Frieden aufgewachsen, oftmals extrem belastet durch die Einschränkungen in der Pandemie und jetzt gerade dabei sich zu finden und in die Welt zu treten – und dann kommen die „Erwachsenen“ und wollen, dass man einige Monate in einer Armee dient. Was ne Scheiße.
Aber, wer sich mit offenen Augen die Lage auf der Welt anschaut, sollte langsam realisieren, dass wir tatsächlich in einer „Zeitenwende“ leben. Die Idee, eine gewisse Resilienz zu entwickeln ist sicher nicht verkehrt. Aus den Reihen der Demonstrierenden war, laut RP, zu hören, dass man gegen eine Aufrüstung sei, da der russische Regierungschef wisse, dass die NATO bereits jetzt stärker sei und er es deswegen auf kein Kräftemessen würde ankommen lassen. Das ist so schrecklich naiv, dass es beim lesen fast körperlich schmerzt. „Ich will nicht in den Krieg“ ist da zu lesen, nun, das möchte ich auch nicht und meine Bekannten in der Ukraine wollten das auch nicht.
Es ist vielleicht auch nochmal wichtig, zu erklären, was eine Wehrpflicht ist. Auch wenn es Parteien am rechten Rand gibt, die diese gern mit einem Kriegseinsatz an der Front gleichsetzen wollen, geht es doch lediglich darum, einen Dienst in Deutschland, im, relativen, Frieden abzuleisten. Es geht nicht darum, dass Jugendliche nach zwei Monaten an die Ostfront geworfen werden. Ich verstehe, dass es ihnen mulmig wird, seit langer Zeit hat keiner ihrer Freundinnen oder Freunde mehr gedient, so richtig weiß man nicht, was auf einen zukommt und die Bilder von Krieg, Tod und Zerstörung in den Nachrichten, machen es nicht besser. Aber, seien wir ehrlich, um einen Krieg vor der Haustür verhindern zu können, muss es doch, und das schnell, gelingen, den Preis für einen solchen in die Höhe zu treiben. Es darf sich nicht lohnen, die NATO anzugreifen. Dafür muss sie sich aber verteidigen können.
Ich sehe das so, und habe das auch damals schon so gesehen, dafür, dass wir unser Leben so leben können, wie wir es aktuell tun, privilegiert, sicher, im Frieden, mit vielen Rechten ausgestattet und der Möglichkeit in Wort, Bild und Schrift unsere Meinung frei zu äußern, zu wählen und zu demonstrieren, sind einige Monate Dienst bei der Bundeswehr sicher kein zu hoher Preis.
Wenn es um Frieden geht, hätte die Demonstration heute eigentlich nicht auf dem Von-der-Leyen Platz in Krefeld, sondern auf dem Roten Platz in Moskau stattfinden müssen.
Euer Martin
