Faszination und Erschrecken – Radtour durchs rheinische Braunkohlerevier

Hallo ihr Lieben,

der April ist angebrochen und ich war wieder auf dem Rad unterwegs. Vergangenen Samstag bin ich durchs rheinische Braunkohlerevier geradelt, mal eine ganz andere Tour als die davor 😉 . Wenn ihr mögt, nehme ich euch gern, unbezahlt und unbeauftragt, mit aufs Rad. Zumindest virtuell.

Die Wettervorhersage sprach von Bewölkung mit einigen Sonnenlücken. Was ich wohl irgendwie überlesen hatte waren die angesagten Temperaturen. Sagen wir es so, es war durchaus schattig 😉 . Loslegen wollte ich in Frimmersdorf. Der kleine Ort ist ein Stadtteil von Grevenbroich und gehört zum Rhein-Kreis Neuss. Ich bin mit dem Zug Morgens so gegen halb Neun rum dort angekommen.

Kaum ausgestiegen pfiff mir der Wind um die Ohren und die Schneereste am Wegesrand zeigten an…das wird ne frische Radtour. Frimmersdorf ist Energiestandort. Es gibt eine Solarzellenanlage, Windparks und natürlich Kohlekraftwerke. Ich bin in Richtung des Kraftwerks Neurath gefahren.

Wenn man dort so entlangradelt ist man immer irgendwie erschrocken und fasziniert zugleich. Mir geht es auf jeden Fall so. Die ganze Technik im Braunkohlerevier fasziniert mich, die Eisenbahn, die Absetzer, die Bagger, die Logistik. Das ist schon alles richtig interessant. Wenn man sich aber die Umweltbilanz der Braunkohle anschaut und welche Eingriffe in Natur und Landschaft dafür nötig sind, dann ist das eben auch echt erschreckend. Bewusst wird einem das zum Beispiel mit einem solchen Gedenkstein hier. Es wird an das Gut Nanderath erinnert. Es stand hier von 1465 bis 2011, dann wurde der Denkmalschutz aufgehoben und das, zu diesem Zeitpunkt bereits verfallene Gebäude, abgerissen. Im Besitz von RWE war es seit 1969.

Vom Kraftwerk Neurath aus bin ich ein Stück Landstraße gefahren und dann ging es in Richtung Süden weiter. Nächstes Ziel war der Tagebau Hambach.

Über Feldwege ging es näher an den Einstiegspunkt des „Terra:Nova“-Speedways. Dabei konnte man dann auch das nächste Kraftwerk erkennen, dieses Mal Niederaußem.

In der Ferne tauchten dann bereits die ersten Abraumgeräte aus dem Tagebau auf. Ein Absetzer auf der Sophienhöhe, davor ein Windrad. Zukunft und (baldige) Vergangenheit der Energiegewinnung nah beieinander.

Früher gab es ein Förderband welches den Abraum aus dem Tagebau abtransportierte, heute ist das der sogenannte „Terra:Nova“ Speedway. Auf Bahntrassen bin ich ja schon oft geradelt, auf Förderbandtrassen recht selten.

Der Weg führt auch über die Erft. Die Brücke dort hat auch schon einige Liebesschlösser, aber man findet sich dort noch wieder, nicht so wie an der Hohenzollernbrücke in Köln 😉 .

Auf dem Boden sind immer wieder Wegweiser zu finden, immer dann, wenn rechts oder links Abzweige zu den Dörfern neben dem Radweg abgehen. Ich habe aber auf den Tagebau zugehalten.

Kann man hier schon von StreetART sprechen? Muss ja, steht ja schließlich dran 😉 .

Knappe 10 Kilometer habe ich auf dem Speedway zurückgelegt, wirklich herrlich zu fahren.

Ein Blick vom Aussichtsturm am Ende des Speedways zeigt dann den Absetzer den ich aus der Ferne schon erblickt habe Formatfüllend. Wie gesagt, diese Technik ist schon sehr beeindruckend.

Ob Tim mit einer Nutte hier war oder ob Tim sich selbst als Nutte sieht oder wie die abwertende Bezeichnung für Sexarbeiterinnen sonst mit Tim zusammenhängt, wird aus diesem „Kunstwerk“ leider nicht ganz klar…

Direkt an der Abraumkante entlang führt eine Straße und seit kurzem auch ein wirklich guter Radweg in Richtung Osten.

Immer wieder kann man auch in den Tagebau blicken. Die schiere Größe des Gebietes und der eingesetzten Abraumtechnik verblüffen mich immer wieder, obwohl ich schon einige Mal dort war.

Mit dem Bagger 289, der fast baugleich zum größten Landfahrzeug der Welt, dem Bagger 288 ist, blickt man von oben auf ein faszinierendes Stück Ingenieurskunst. Schaut euch mal die Autos davor an. Schon beeindruckend.

Nach einigen Kilometern landet man an der Gastronomie „Forum Terra:Nova“, dort gibt es auch einen Spielplatz und einen Aussichtspunkt. Bei dem usseligen Wetter war ich allerdings allein dort.

Dort steht auch ein Teil einer Baggerschaufel, ganz imposant, wenn man sich mal daneben stellt.

Ganz oben hängt ein Fahrrad. Ob das jetzt eine Installation, ein politisches Statement oder jugendlicher Übermut ist, keine Ahnung, ich habs einfach mal fotografiert 😉 .

Über die Straße „Nordrandweg“ ging es dann weiter. Wenn man dort radelt bekommt man immer so ein wenig das Gefühl man ist auf einem anderen Planeten unterwegs, auf der einen Seite das große Loch und die, manchmal wie Wesen aus einer anderen Welt anmutenden Bagger, auf der anderen Seite Rohrleitungen und Pumpen. Irgendwie surreal und doch spannend.

Und doch gibt es immer wieder Augenblicke, die einem ein Lächeln entlocken. Dieses Teil hier zum Beispiel.

Ich habe dann den Tagebau hinter mir gelassen und bin in Richtung Köln weiter gefahren. Zwischen Sindorf und Horrem habe ich dann die Hambachbahn überquert. Ein durchaus interessanter Stopp für Menschen, die sich für Eisenbahnen interessieren. RWE setzt für den Transport der Braunkohle spezielle Wagen und Lokomotiven ein. Diese Loks findet man nur hier. Die schweren Züge werden von Krauss Maffei EL1 und der, etwas moderneren, ADtranz EL2000 gezogen. Ich hatte bei meiner Tour das Glück eine der EL1 vor die Linse zu bekommen. Mittlerweile auch in blau lackiert, früher waren sie grün, ist diese Lokomotive immer noch unterwegs. Baujahr war 1956.

In Richtung Frechen-Königsdorf ging es weiter. An Landstraßen vorbei, aber immer wunderbar baulich getrennt, bin ich weiter geradelt. Sagte ich schon, dass es erbärmlich kalt war? Das hatte ich irgendwie anders geplant. Kälte saugt einem irgendwie die Energie aus dem Körper. Deshalb habe ich auch einige Pausen bei Bäckereien gemacht und das ein oder andere Brötchen nachgeworfen 😉 .

Der Ort war mir direkt sympathisch, vor der Kirche Sankt Sebastianus weht die Flagge der Ukraine und es wird klargestellt, Rassismus ist hier nicht. Finde ich gut, beides.

In der Ferne konnte ich schon das Ziel meiner Radtour ausmachen, Köln. Rechts die Spitzen des Kölner Doms, links sieht man den Colonius, den knapp 250 Meter hohen Fernmeldeturm in Köln.

Ich bin dann eine ganze Weile auf der Aachener Straße gefahren, sie führt, mehr oder weniger, gerade in die Stadt Köln hinein. Ein Stückchen ging es parallel zu einer Bahnstrecke. Auf dieser kam mir der Thalys entgegen. Nach wie vor ein wirklich attraktiver Zug, finde ich.

Obwohl nur geradeaus und neben einer Straße, war das radeln auf der Aachener Straße ganz angenehm, was auch an der baulichen Trennung liegt.

Es wurde dann immer urbaner und schließlich klassisches Großstadtradeln, also mitten durch die Wohnbebauung und über Straßen hinweg. Ich mag das ja auch ganz gern, insofern tat mein Routing dem Spaß keinen Abbruch.

Im Gegenteil, beim warten an einer Ampel konnte man sogar ein bisschen Zirkusflair abbekommen. An verschiedenen Stellen in Köln sprinten Künstlerinnen und Künstler bei einer Rotphase auf die Straße und zeigen ihr Können. Danach geht der Hut rum. Coole Sache 😉 .

Hinter dem Melaten-Friedhof habe ich dann die Aachener Straße verlassen und bin in Richtung Nordosten weitergeradelt. Dabei hat mich auch die Grinsekatze angegrinst.

Durch den Carola-Williams Park, mit Blick auf den Funkturm, bin ich dann am Bahnhof Köln-West vorbei gefahren. Früher habe ich da oft gestanden und Eisenbahnen fotografiert.

Der Bahnsteig wurde ein wenig umgebaut, seitdem ist die Fotostelle da nicht mehr so schön. Ein schnelles Foto eines Güterzuges habe ich aber trotzdem gemacht, wenn man schon mal da ist 😉 .

Seid ihr schon mal in „Odonien“ gewesen? Das ist ein Areal zwischen Bahngleisen in Köln, es gehört einem Künstler, Odo Rumpf, und ist regelmäßig auch der Ort eines Musikfestivals, dem Robodonien. Es wird viel mit Schrott und Metall gearbeitet. Leider war alles verschlossen, da sind sicher ein paar coole Fotomotive dabei. Dieses Teil hier war auf jeden Fall gut von außen sichtbar.

Direkt gegenüber ist, obwohl unlängst pleite gegangen, das erste Hochhausbordell Europas zu finden, das Pascha. Glaubt man dem Netz, ist es vor kurzem wieder eröffnet worden. Ist ja auch irgendwie ein Wahrzeichen der Domstadt 😉 .

An der Fassade prangt eine weitere Spezialität….Kölsch.

Auf meinem Weg zum Hauptbahnhof bin ich auch durch Nippes gefahren, dort fiel mir das Streetart „Holy Splendor“ ins Auge. Das Bild hat die Künstlergruppe „Captain Borderline“ 2013 angefertigt. Schon ziemlich cool.

Und dann war ich an der Rheinpromenade und mit Blick auf den Dom fast am Ziel. Eine wirklich schöne Tour, gerade auch wegen dem Kontrast zwischen dem Braunkohlerevier und der Großstadt.

Die letzten Meter bis zum Bahnhof waren schnell erledigt und ich bin an der Hohenzollernbrücke und dem Dom vorbei zum Bahnhof gefahren.

Das war es dann auch wieder mit der Tour. Wie immer hoffe ich, es hat euch gefallen. Wenn ihr irgendwelche Fragen habt, immer her damit. Es gibt noch einen Relive Clip, wenn ihr mögt, klickt gern mal drauf. Kleine Einschränkung, dieses Mal wollte das Tool irgendwie keine Fotos annehmen. Also, nur Strecke 😉 .

Bleibt gesund und munter, gebt Acht auf euch und eure Mitmenschen und fahrt vorsichtig.

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

8 comments

  1. Interessant: da ich ja häufiger mal im Braunkohlegebiet unterwegs sind, wenn auch eher protestierender Weise, und Kinder in Köln habe – und diese Strecke mal meiner Reichweite entspricht, werde ich sie vielleicht demnächst, evtl mit der einen oder anderen Änderung, nachfahren.
    Vielen Dank

  2. Hallo Martin,
    ja der Kohletagebau!
    Ich war eine der „bösen Demonstraten“ die gegen die weitere Abholzung des Hambacher Forstes auf der Demo war.
    Herr Laschet hatte damals mit seinen Äußerungen dafür gesorgt, dass ich das erste Mal auf einer Demo war.
    Die riesengroße Grube ist ein trauriges Beispiel dafür, dass unser Wohlstand immer mit dem Raubbau an der Natur und der Ungerechtheit für den kleinen Mann gegenüber von Politikern unterstützen Großkonzernen zu tun hat.
    Inzwischen wissen wir immerhin, dass es so nicht weitergehen kann.
    Ich kann deinen Zwiespalt zwischen der beeindruckenden Technik und der Umweltzerstörung auf jeden Fall nachvollziehen.

    So nun bin ich wieder auf dem neuesten Stand bei deinen vielseitigen und interessanten Beiträgen angekommen.
    Liebe Grüße
    Dagmar

    1. Hi,

      Jap, da waren schon einige nicht so kluge Äußerungen dabei in der jüngeren Vergangenheit. Die Braunkohleverstromung ist natürlich CO2 mäßig nicht so der Knaller, die Renaturierung des Geländes kann aber gelingen, ehemalige Braunkohlegebiete im Osten Deutschlands zeigen das ja bereits jetzt schon. Die Frage ist nur, ob wir das noch erleben. Generell muss man, denke ich, bei solchen Dingen immer ein bisschen weiter denken als ein kurzes Menschenleben 😉 .

      LG Martin

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