Zechen, Halden, Natur – Ruhrgebietstour von Essen nach Holzwickede

Glückauf ihr Lieben,

es geht, ihr merkt es an der Einleitung, mal wieder ins Ruhrgebiet. Wie immer, unbezahlt und unbeauftragt, nehme ich euch, wenn ihr wollt, mit auf eine Tour von Essen nach Holzwickede.

Direkt zu Beginn muss ich euch aber ein Geständnis machen, ich habe einen inneren Monk. Kennt ihr Monk? Diesen fiktiven Ermittler einer amerikanischen Krimiserie? Er hat dutzende Phobien und ist neurotisch. Neben vielem anderen muss bei ihm immer alles ordentlich, gerade und schlüssig sein. OK, das ist bei mir alles NICHT so ;), aber eine Spleen habe ich in den letzten Monaten dann doch entwickelt. Gegen Ende eines Monates poste ich in sozialen Netzwerken ganz gern, wie viele Kilometer ich geradelt bin und untermale das mit einer Karte, einer „Heatmap“, der Strecken. Wie wo warum und so könnt ihr HIER nachlesen. Nun, irgendwie habe ich es mir in den Kopf gesetzt, dass ich es schön fände, wenn alle diese Strecken miteinander verbunden wären. Nun ja, ist halt ein bisschen verrückt, sage ich ja. In diesem Monat bin ich bereits im Münsterland und am Niederrhein unterwegs gewesen. Das sieht auf der Karte dann so aus….ihr erkennt mein „Problem“ 😉 ?

Also galt es jetzt, die Lücke zu schließen. Mit der heutigen Tour also von Essen Altenessen nach Holzwickede…und damit an das Ende der Münsterlandtour. Der innere Monk halt….

So, jetzt aber. Los ging es zu sehr früher Morgenstunde letzte Woche Donnerstag. Christi Himmelfahrt oder „Vatertag“ sorgte dafür, dass ich frei hatte und das NRW Bahnticket schon vor 9 Uhr nutzen konnte.

Das Wetter sah vielversprechend aus und der Zug war, wie so oft in der letzten Zeit und sehr zu meiner Freude, leer. Nach entspannter Fahrt kam ich in Essen Altenessen an.

Der erste Anlaufpunkt war natürlich Zollverein, hier als erstes die Kokerei und dann die Zeche. Beides ist UNESCO Weltkulturerbe und mich berührt diese Industrie dort schon jedes Mal aufs Neue. Wenn hier Menschen „aus dem Pott“ mitlesen, werden sie es verstehen, dieses „Auf Kohle geboren“, dieser Malocherhabitus, Montan- und Schwerindustrie. Man kann das nicht wirklich beschreiben, aber es ist halt….Heimat. Über dem Gelände lag an vielen Stellen noch Nebel oder Reif und die Sonne brauch durch. Fotos geben diese Stimmung nur sehr unzureichend wieder, es hatte einfach was.

Um die Kokerei herum ging es dann zum Eingang der Zeche, wo dann auch das typische Foto des Doppelbocks entstanden ist. Sehr angenehm, zu dieser frühen Stunde war ich völlig allein auf dem Gelände, ich habe niemanden getroffen.

Man sieht es auf den beiden Bildern, die Sonne rang den Nebel nieder, es war wirklich wunderschön zu fahren. Ich bin dann über den Nordsternweg in Richtung Schurenbach-Halde gefahren.

Am Wegesrand gab es jede Menge Pusteblumen zu sehen, der Reif hing teilweise noch drin, einfach herrlich. Natur pur mitten im Pott. Für diese, vermeintliche, Spannung zwischen Industrie und Natur liebe ich das Ruhgebiet.

Neben Natur und Industrie war auch schon immer Vielfalt eine Stärke des Ruhgebietes. Ich bin gebürtiger Neumühler, bin in Hamborn zur Schule gegangen und habe etliche Bekannte und Freunde in Marxloh, Rheinhausen und wie die ganzen Duisburger Stadtteile heißen. Schon immer mochte ich diese Mischung aus Kulturen, Meinungen und Ansichten. Und so passiert es Dir halt im Ruhgebiet, dass Du am Taubenzüchterverein und an der Fatih-Moschee vorbeiradelst und dazwischen Menschen auf der Straße stehen die zusammen das Zuckerfest feiern…auf Abstand, aber laut 😉

Wenn Du schnell sein willst, geh langsam – Das sagt ein Sprichwort, welches eine Abwandlung vom japanischen Original „Wenn Du schnell sei willst, mache einen Umweg“ sein soll. Auf jeden Fall kann man den Nordsternweg im ganz eigenen Tempo nutzen, schnell mit dem Bike, entspannt auf zwei Beinen oder….ganz entspannt auf nur einem Kriechfuß…dafür aber mit Haus 😉

Wobei, viel schneller war ich im Verlauf dann auch nicht, es ging nämlich auf die Schurenbach-Halde hinauf. Knappe 86 Meter über dem Meeresspiegel ragt das Haldenplateau auf. Der Weg hinauf ist sehr grün und mit Bäumen bewaldet.

Oben angekommen, zumal im leicht diesigen Gegenlicht, wollte ich erst nach Housten die Worte

That`s one smal step for man ; giant leap for mankind

funken, ja, ohne das grammatikalisch korrekte „a“ vor dem man, hat Neil Amstrong schließlich auch so gemacht, aber obwohl der Anstieg steil war, auf dem Mond war ich nicht, auch wenn es so aussieht ;).

Das Haldenplateau ist nicht bepflanzt und man spaziert tatsächlich auf dem Abraum herum. Ein bisschen entrückt von allem irdischen Ballast fühlt man sich da oben schon, zumal dann, wenn man ganz alleine ist. Die Aussicht von dort ist toll, auf der einen Seite die Skyline von Essen, auf der anderen Seite Industrie und viel Grün.

Auf dem Plateau findet sich auch eine Stahlbramme, das Kunstwerk heißt dann auch „Bramme für das Ruhrgebiet“.

Nach einem kleinen Snack und einem kräftigen Schluck aus der Colaflasche ging es die Halde wieder hinab und weiter in Richtung Nordsternpark. Ein kurzes Stück bin ich dem Rhein-Herne Kanal gefolgt, dann nach Osten in Richtung Gelsenkirchen abgebogen.

In Gelsenkirchen Feldmark habe ich die St. Antonius Kirche am Schillerplatz fotografiert, die Form fand ich ganz interessant. Seit 2019 finden dort keine regulären Gottesdienste mehr statt, die Gemeinde wurde mit anderen Gemeinden zusammengelegt.

Während ich meine Kamera wieder einpackte hörte ich die ganze Zeit ein merkwürdiges, hohle Klopfgeräusch in der Nähe. Ich konnte aber keine Quelle dafür ausmachen. Ein bisschen umherlaufen führte schließlich zum Ergebnis. An einem der Bäume rund um den Platz war ein Buntspecht bei der Arbeit und hämmerte auf die Rinde ein. Ein wirklich schönes Tier.

Wer auf Fördergerüste steht, kommt in der Ecke voll auf seine Kosten. Von der Zeche Consolidation ist eine Menge erhalten, Fördergerüste, die Maschinenhalle.

Diese „Doppelböcke“ sind schon immer sehr eindrucksvoll finde ich. An die ein oder andere Zeche im aktiven Betrieb erinnere ich mich noch, schon faszinierend wie ein solch dominanter Industriezweig zu attraktivem Beiwerk einer Region wird.

An einem interessanten Brunnen bin ich dann vorbeigekommen, der schwebende Stein des japanischen Künstlers Takashi Nahara macht schon was her. Ob das auch der Herr mit dem „Castle“ ist? 😉 Kleiner Scherz, aber toll finde ich den Brunnen auf jeden Fall.

Mein Weg führte mich zurück in Richtung Rhein-Herne Kanal. Vorbei an Eisenbahnschienen, Straßenzügen und solchen Kunstwerken auf Garagentoren. Heimatverbunden ist man hier im Ruhrgebiet. Glückauf eben.

Ich bin dann auf die Schleuse von Wanne-Eickel zu gefahren, vorbei am Westhafen und dann noch mit einem Schwenk über den Kirmesplatz in Crange.

Dort steht ein alter Bunker, er gehörte mal zur dortigen Zeche. Irgendwie sieht er nach Sakralbau aus mit seinen zwei Kuppeln. Getoppt wird dieser Eindruck durch einen Halbmond und ein Kreuz auf eben diesen Kuppeln. Das Ganze ist ein Migrationprojekt und soll das Zusammenleben der vielen Menschen mit einem Migrationshintergrund im Pott symbolisieren. Viele Muslima und Muslime leben hier, genauso wie viele Menschen katholischen Glaubens, vor allem mit polnischer Herkunft.

Tob auf dem Kirmesplatz sonst das Leben, ist er aktuell zum Schnelltestzentrum umgewandelt. Jede Zeit hat ihre Fotos und so ist der Bus des Testzentrums Essen eben auch ein Zeitdokument dieser Radtour. Wollen wir hoffen, dass wir aus dieser Pandemie bald raus sind.

Dann ging es über den Kanal hinüber und zwar an der Schleuse. Vor dem geschlossenen Tor wartet die „Naima“, ein Tankschiff, früher hieß sie mal Julia, gebaut wurde sie 2008 und sie liegt hier auf der tieferen Seite der Schleuse, dem sogenannten Unterwasser.

In die Schleuse war gerade die belgische „Serenitas“ eingelaufen. Baujahr 2017 und 80 Meter lang. Schon beeindruckend, wie schnell so eine Schleusung funktioniert. Zwischen den beiden Aufnahmen liegen nur wenige Minuten.

Auf der anderen Seite des Kanals ging es weiter, vorbei an einer Firma die sich mit der Aufbereitung von Brennstoffen beschäftigt. Ich kann mich mit sowas ja echt stundenlang beschäftigen und mir neue Informationen drauf packen. Das macht für mich auch das radeln und das bloggen im Nachgang ein Stückweit aus. Man kann sich so herrlich neues Wissen aneignen wenn man ein bisschen recherchiert woran man so vorbeigekommen ist.

Auf jeden Fall herrschte geschäftiges Treiben vor Ort. Direkt neben der Firma quert eine Brücke den Rhein-Herne Kanal und ich wechselte erneut die Seite und bin dann noch ein wenig parallel zum Kanal gefahren. Irgendwann ging es dann weiter nach Süde, vom Kanal weg, in Richtung des Schlosses Strünkede. Umrahmt von einem wunderschönen Schlosspark liegt das Schloss im Herner Stadtteil Baukau. Inmitten der ganzen Industriekultur, der hektischen Betriebsamkeit auf dem Kanal und der Schwerindustrie wirkt dieses Schloss wie ein Ruhepol. Sich dort auf eine Bank zu setzen und einfach ein bisschen zu rasten und Pause zu machen ist einfach wunderschön.

Nach der kurzen Pause ging es wieder aufs Rad und weiter durchs Ruhrgebiet. Die Zeche Teutoburgia war das nächste Ziel, beziehungsweise das Fördergerüst was noch steht. Drumherum gibt es einen kleinen Park. Hier merkte man dann auch zum ersten Mal….wir haben Vatertag…Prost.

Weiter ging es nach Schwerin, allerdings nicht nach Mecklenburg-Vorpommern, sondern nach Castrop und in den dortigen Stadtteil Schwerin. Der heißt so, weil es hier bis 1967 eine Zeche gab, die nach Graf von Schwerin bekannt wurde. Heute gibt es dort noch die Halde Schwerin, auf deren Tableau findet man eine riesige Sonnenuhr und hat einen guten Ausblick auf das Umland.

Unter anderem auch auf den Hammerkopfturm der Zeche Erin. Wie gesagt, bei dieser Tour gibt eine Menge Bergbaurelikte zu entdecken.

Dortmund war der nächste Ort in den ich einfuhr. Von der Halde herunter ging es über Landstraßen in Richtung Dortmund Mengede.

Dort gab es Kreisverkehrskunst zu sehen. Ich hab an anderer Stelle schon mal geschrieben, dass ich damit irgendwie auf Kriegsfuß stehe. Meist sind die Kunstwerke in Kreisverkehren eher, nun ja, geht so. Was ihr von dieser Spinne hier haltet überlasse ich Euch, der Kreisel ist auf jeden Fall an der Schaphusstraße direkt am evangelischen Friedhof in Mengede.

Wenige Meter weiter war ich wieder am Kanal, dieses Mal war es aber nicht der Rhein-Herne Kanal, sondern der Dortmund-Ems Kanal. Was soll ich sagen, auf der ganzen Tour habe ich sehr wenig Menschen getroffen, ich hatte befürchtet dass das am Kanal anders werden würde, wir haben Vatertag, es gibt viele Plätze zum ausruhen. Aber, auch hier war es sehr ruhig. Einige Radlerinnen und Radler kamen mir entgegen, sogar eine „Gruppe“ aus drei Kerlen mit Bollerwagen war unterwegs, aber ansonsten war es eben so ein ganz anderer Vatertag als die Jahre zuvor.

Nach etlichen Metern am Kanal entlang bin ich wieder abgebogen und haben die, ganz in der Nähe entlang fließende Emscher überquert.

Dabei bin ich auch an der Kläranlage der Emscher in Dortmund Deusen vorbeigekommen. Ganz ähnlich wie bei ihrem Pendant an der HOAG Trasse in Duisburg gibt es hier die weithin sichtbaren Faultürme.

Am Ende, oder Anfang, wie man es nimmt, des Dortmund – Ems Kanals liegt der Dortmunder Hafen. Hier fällt besonders das alte Hafenamt ins Auge. Das Gebäude ist von 1889 und wurde bis 1962 genutzt. Ein wirklich tolles Gebäude.

Am Dortmunder U, einem ehemaligen Brauereigebäude, vorbei führte mich mein Weg durch die Dortmunder Innenstadt in Richtung Wambel.

Dort ging es an einem langen Zaun vorbei, auf dem es etliche Graffiti zu sehen gibt. Oftmals sind es Tags, aber ab und an auch ziemlich starke Bilder. Ihr wisst schon, meine Vorliebe für Streetart. 😉

Die letzten paar Kilometer bis nach Holzwickede, meinem Bahnhof für die Rückfahrt, waren schnell erledigt. Da ich noch etwas Zeit hatte, habe ich, natürlich, wieder einen kleinen Halt am Flughafen Dortmund eingelegt. Wie eigentlich immer stand ein Airbus der Wizz Air auf dem Vorfeld.

Viel los war in der kurzen Zeit nicht, mit diesem schönen Business-Jet von Air Hamburg gab es aber noch ein schönes Fotomotiv, zumal im Hintergrund der Florianturm zu sehen ist. Wenn ihr mal sehen wollt, wie so ein Flugzeug von Innen aussieht, auf der Website von Air Hamburg gibt es 360° Rundgänge…man kann schlechter fliegen 😉 HIER.

Und das soll es dann auch schon wieder gewesen sein. Wie immer hoffe ich, es hat Euch gefallen. Ich habe noch einen Relive Clip für Euch und wenn ihr Fragen haben solltet, immer her damit.

Bleibt gesund und munter, fahrt immer vorsichtig, habt genug Luft im Reifen und passt auf Euch auf.

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

11 comments

  1. Danke für das tolle Lesevergnügen. Einige Strecken habe ich bereits selbst erradelt und schöne Erinnerungen wurden geweckt, andere Abschnitte machen Lust, sie auch bald unter die Reifen zu nehmen. Wie immer klasse recherchiert und geschrieben 👍. Schöne Pfingsten 🙋‍♀️

    1. Hi, vielen Dank für die lieben Worte ;). Ja, bei mir ist das tatsächlich ein Teil des „Erlebnisses“, das Blog schreiben danach. Sich nochmal alles anzuschauen, ein bisschen zu recherchieren. Das erweitert den eigenen Horizont und das ist in der heutigen Zeit irgendwie wichtiger denn je, glaube ich.

      LG Martin

  2. Hallo Martin,

    ich wünsche dir ein schönes Pfingstwochenende.

    Dein Beitrag ist wieder vielseitig, interessant und einfach schön, vielen Dank!.

    Besonders das fünfte Bild in diesem Beitrag (Zollverein) ist schlicht einfach der Hammer, super schön der Lichteinfall mit dem Dunst in der Industriehalle.
    Da warst du wirklich zur rechten Zeit am richtigen Ort- perfekt!

    Liebe Grüße
    Dagmar

  3. Da hätten wir uns ja sehen können in Holzwickede. Schöner Bericht! Besonders gefällt mir dein Motto: „Das macht für mich auch das radeln und das bloggen im Nachgang ein Stückweit aus. Man kann sich so herrlich neues Wissen aneignen wenn man ein bisschen recherchiert woran man so vorbeigekommen ist“ . So geht es mir auch.

  4. Hallo Martin,
    von den Motiven eine Tour die mir auch sehr gefallen würde, nur wohne ich zu weit weg. Vielen Dank für’s mitnehmen.
    Schöne Pfingsten und viele Grüße aus dem Heilbronner Land
    Brigitte

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