Ein Derby, Zechen und Kanäle – von Dortmund nach Dorsten

Glück Auf zusammen,

es ist, wenn ihr mögt, wieder Zeit euch auf eine Tour mitzunehmen. Nach einigen Touren von meiner Haustüre aus, sollte es dieses Mal direkt im Ruhrpott losgehen. Wie immer, unbezahlt und unbeauftragt, klar, oder? Mein, mittlerweile erprobter, „Anti-voller-Zug-Trick“ in Corona Zeiten hat auch dieses Mal geklappt. Losfahren, wenn alle anderen schlafen. Meine Tour sollte in Dortmund starten und so brachte mich der RRX früh Morgens in die Stadt des Derby-Siegers. Sollte man das Spiel Borussia Dortmund gegen Schalke 04 am Vortag nicht gesehen haben, ließen einen die beiden Fußballfans, die Arm in Arm und breit wie Öltanker lang ist, vor dem Bahnhof auf die Reisenden warteten mit einem, übelst schiefen, Heja BVB wissen, dass wohl der BVB als Sieger vom Platz gegangen ist. Ruhrpott, ich liebe Dich 😉 Der Zug war, wie erwartet und erhofft, leer und als ich ankam ging gerade die Sonne auf, der Tag fing für mich an, für die beiden BVB Fans endete er wohl gerade…

Ich hab dann noch nen großen Schluck aus meiner Cola-Flasche genommen und los ging es. Ich hab mich echt auf die Tour gefreut und bin schon nach kurzer Zeit am ersten Highlight vorbeigefahren. Auf der Mauer eines ehemaligen Kraftwerkes gibt es auf der Weißenburgerstraße etliche wunderbare Graffitis. Sie wurden im April 2016 von Künstlerinnen und Künstlern, Jugendlichen und Kreativen erstellt und sind wirklich beeindruckend. Wenn ihr mal in der Gegend seid, schaut sie Euch unbedingt an. Wer meinem Blog schon länger folgt, der weiß ja, ich habe einen Faible für solche Streetarts, die in Dortmund sind richtig stark.

Die Straße führt dann auch zum Borsigplatz. Ob die beiden Jungs vom Bahnhof hier her kamen? Keine Ahnung, der Platz ist aber Kultstätte des BVB und wenn ein Dortmunder davon spricht, „den Borsigplatz schwarz gelb zu streichen“, dann geht es um große Erfolge der Mannschaft, die dort gefeiert werden. Es ist zwar nicht“ meine“ Borussia, die Begeisterung für einen Fußballverein und die Identifikation damit kann ich aber gut nachvollziehen.

Apropos Identifikation. Das Ruhgebiet und der Bergbau. Zwei Dinge, eine Geschichte. Ich bin ja selbst gebürtiger Duisburger und somit „auf Kohle geboren“, hatte Verwandte unter Tage und habe noch Zechen in Betrieb miterlebt. Auch mich hat es bewegt, als der Kumpel Jürgen Jakubeit 2018 dem Bundespräsidenten das letzte Stück deutscher Steinkohle überreicht hat und damit eine Ära endete. Aber, wir hier lieben unsere Tradition und verklären sie zuweilen auch stark. Ich finde das wundervoll, die Bergbautradition ist im Ruhrpott überall sichtbar, natürlich, viele Fördergerüste stehen noch, aber auch in Straßennamen oder Kleingartenvereinen finden sich die Begriffe rund um den Pütt und die Kohle. Der Strukturwandel ist im vollen Gange, aber das, wo man herkommt, halten wir hier hoch. So ist es auch völlig normal, immer wieder auf Denkmäler und Ausstellungsstücke zu treffen. Auf meinem Weg vom Borsigplatz in Richtung Westen kam ich dann auch an dieser Zechenbahn vorbei.

Im Hintergrund sieht man schon den Hammerkopfturm des Zeche „Minister Stein“. 1987 wurde dort die letzte Kohle gefördert, damit war Minister Stein die letzte aktive Zeche in Dortmund. Heute ist der Hammerkopfturm, komplett restauriert, ein Denkmal und weithin sichtbares Wahrzeichen. In dem Gebäude darunter befinden sich Büros. Schon beeindruckend heute über das Gelände zu fahren.

Unterwegs nach Dortmund Brechten kam ich an einer KFZ-Werkstatt vorbei. Tägliche Hauptuntersuchungen wurden da angeboten, ich frage mich, ob dieses schöne Exemplar auf dem Hof auch noch ne Plakette bekommt. Macht auf jeden Fall was her.

In Brechten gab es dann etwas, was man immer häufiger sieht, und meistens ist es eher nicht so gelungen….wenn es gelungen ist, führt es zu Unfällen. Die Rede ist von „Kreisverkehrskunst“ 😉 Oftmals hat man das Gefühl ein lokaler Künstler durfte auch mal was ausstellen und da der Platz in der Mitte eines Kreisverkehrs eh frei ist, bietet sich das ja an. In Brechten finden sich aktuell Heuballen-Smilies….kann man mögen 😉

Weiter in Richtung Lünen ging es dann recht fix aus der Stadt raus und zwischen Feldern hindurch. Das Radeln um diese frühe Uhrzeit, bei diesem Wetter und völlig allein war einfach herrlich. Es lohnt sich wirklich, auch an einem Sonntag, früh loszufahren.

Wenn man durchs Ruhrgebiet radelt trifft man, wie schon gesagt, immer wieder auf Relikte des Bergbaus. Gerade Fördergerüste – und türme sind überall zu finden. Doppelböcke, Malakowtürme, Tomson-Bock und wie sie alle heißen. Ziemlich einmalig dürfte allerdings das Gerüst der ehemaligen Zeche Minister Achenbach bei Lünen sein.

Nach dem Ende der Steinkohleförderung 1990 setzte man dieses Ufo nach einer Skizze von Colani auf den Turm. Wer sich andere Werke des 2019 verstorbenen Künstlers und Designers ansieht, erkennt sofort, wessen Handschrift das Ufo hat. Aus der Zeche wurde ein Technologiepark, LünTec, für Lünen Technologiepark, heißt das Ganze und das „Colani-Ei“ ist ein weithin sichtbares Markenzeichen.

Eine erste kleinere Pause habe ich dann am Dortmund-Ems-Kanal gemacht. Kein Schiff weit und breit, ab und an mal ein Auto hinter mir, die warmen Sonnenstrahlen. Ein guter Ort für eine Pause. Das mitgebrachte Schokohörnchen hatte zwar 1 Million Kalorien, schmeckte aber traumhaft 😉

Laut Wikipedia hat der DEK, der Dortmund-Ems-Kanal, 160 Brücken, über drei bin ich gefahren und unter zwei hindurch. Das nächste Ziel war der Schleusenpark Waltrop mit seiner beeindruckenden Schachtschleuse und dem alten Schiffshebewerk.

Am alten Hebewerk und an der Schachtschleuse habe ich zum ersten Mal auch ein paar mehr Menschen getroffen. Alles auf Abstand und überhaupt nicht kritisch, aber es waren dann doch Leute mit ihren Hunden und Joggerinnen und Jogger unterwegs. Die Schachtschleuse, heute nicht mehr in Betrieb ist schon beeindruckend. Man kann auf einem Weg durch das alte Schleusenbecken laufen und merkt dabei, wie tief es war. Die Sparbecken in denen das Wasser für die Schleusungen gesammelt wurde sind noch da und überhaupt ist der Schleusenpark mit dem alten Hebewerk, dem neuen Hebewerk, der Schachtschleuse, alle drei Einrichtungen sind Teil des Museums und nicht mehr in Betrieb, und einer aktiven Schleuse ein interessantes und beeindruckendes Ausflugsziel.

Richtung Beckum ging es dann über den nächsten Kanal, dieses Mal war es der Rhein-Herne-Kanal. Über etwas verschlungene Wege und über eine wunderbare Birkenallee bin ich dann auf die KLT, die König-Ludwig-Trasse gefahren.

Beim Überqueren der Autobahn A2 habe ich schon in der Ferne das Himmelsobservatorium auf der Halde Hoheward gesehen. Mein nächstes Ziel auf der Tour.

Ich hab bei einigen meiner anderen Touren ja schon was zu den vielen Bahntrassenradwegen im Revier geschrieben, wiederhole es aber gern, die sind wirklich klasse. Auf den alten Wegen zu fahren, meist mit sehr geringem Höhenunterschied, ist wirklich entspannt. Keine Autos, gute Wege und am Rand gibt es immer wie zu entdecken. Ich habe im Nachgang zu meiner Tour Bilder gesehen, wie voll es dort Nachmittags wurde, als ich dort unterwegs war, war es fast leer.

Ganz schön finde ich, dass man am Wegesrand immer wieder Devotionalien rund um den Bergbau findet UND, dass diese in einem sehr guten Zustand sind. Das ist man ja leider oft anders gewohnt, weil irgendwelche Hohlbirnen meinen alles kaputt machen zu müssen. Umso schöner fand ich vieles, was ich auf der KLT gesehen habe.

An der alten Zeche Recklinghausen II vorbei ging es jetzt auf die Halde Hoheward zu. Die Geschichte dieser Halde ist auch eine durchaus spannende. Ich empfehle dazu mal einen Blick auf Website „halden.ruhr“ zu werfen. Sehr interessante Infos über die ganzen Halden im Ruhrgebiet und eben auch über Hoheward.

Aufgefahren bin ich über die wirklich sehenswerte „Drachenbrücke“ und dann über etliche Serpentinen bis auf den 153 Meter hohen Gipfel. Die Aussicht ist faszinierend.

Auch hier sieht man wieder, früh da sein lohnt, ich war fast allein dort oben. Die beiden Bögen bilden das Himmelsobservatorium, allerdings ist das Fundament, und damit der direkte Zugang, aktuell gesperrt. Das hat, ausnahmsweise, mal nichts mit Corona zu tun, sondern mit Rissen in den Bögen und einem laufenden Rechtsstreit wer Schuld hat. Trotzdem ist der Besuch der Halde lohnenswert. Von hier oben sieht man übrigens auch das Stadion des Derby-Gegners vom Vortag, die Arena AufSchalke, bzw. Ventinsarena, die Heimspielstätte des FC Schalke 04.

Und, natürlich, wir sind im Pott, was sieht man also von dort oben? Richtig, Zechen, Fördergerüste und ehemalige Bergbauinfrastruktur. Direkt vor der Halde liegt die ehemalige Zeche Ewald. Hier war 2001 mit der Förderung Schluss. Heute findet sich dort eine Eventlocation, Technologiefirmen und vieles mehr. Wieder ein Beispiel für den Strukturwandel.

Nach dem Anstieg hab ich dann oben noch ein bisschen Pause gemacht und einem Vater mit seiner Tochter beim Drachen steigen lassen zugesehen. Das Wetter war Sonntag einfach ein Traum. Die Fahrt von der Halde runter war, glücklicherweise, nicht in Serpentinen, so dass ich mit ordentlich Schwung runter zur Zeche gebrettert bin ;).

Unten angekommen habe ich mich in Richtung Herten gewandt. Apropos gewandt, rückwärts gewandte Idioten gibt es hier natürlich auch. Bis zum Hertener Schloss verläuft die „Kunstachse Burgenland“, der Künstler Nils-Udo hat kleine Hügel mit Modellen von Zechen versehen, quasi die Burgen des Industriezeitalters. An der großen Erklärtafel am Anfang haben sich offenbar „stramme Deutsche“ zu schaffen gemacht. Wie wertvoll solche Subjekte für unser Land sind, könnt ihr euch anhand des Vandalismus ja selbst ausrechnen. Sowas regt mich echt auf. Zum einen muss alles was irgendwie wertig ist immer von Vollidioten kaputt gemacht werden? Zum anderen, dieser ekelhafte Nationalismus kotzt mich echt an. Damit ihr die Website die dort steht nicht anklicken müsst, habe ich Euch hier mal den Wikipedia-Artikel dazu verlinkt. PINews auf Wikipedia.

Weg von den Deppen hin zur Kunst. Diese kleinen Modelle sind wirklich toll und der lange, baumbestandene Weg bis zum Schloss auch.

Durch Herten führte mich meine Tour dann weiter nach Marl. Der nächste Stopp war am dortigen Flugplatz, Marl Loemühle. Der Platz ist an sich ein beliebtes Ausflugsziel, inklusive Gastro und Spielplatz. Letzterer war offen, die Gastro natürlich nicht. Das sonnige Wetter lockte einige Pilotinnen und Piloten in ihre Flugzeuge und in den paar Minuten meines Aufenthaltes flog einiges an kleineren Flugzeugen umher.

Es ist schon unglaublich irgendwie, die Woche zuvor bin ich mit etlichen Klamotten, Gesichtsschutz, Handschuhen und drei paar Socken bei -14 Grad geradelt und jetzt ist der Frühling ausgebrochen. Am Wegesrand fand ich einige Blumen mit einer Menge Leben drin. Herrlich. Meinem Kreislauf gefallen 30 Grad in 7 Tagen Temperaturunterschied nur so „geht so“, aber die Natur scheint es zu lieben ;).

Kurze Zeit später ging es, endlich mal wieder, über einen Kanal. Nach dem Dortmund-Ems und dem Rhein-Herne Kanal, war es jetzt der Wesel-Datteln-Kanal der überquert werden wollte. Auf dem letzten Kanal auf meiner Tour gab es dann mit der „Osar“ auch endlich mal ein Schiff zu sehen. Baujahr 1956, sie wird schon so einiges erlebt haben.

Direkt neben dem Kanal fließt die Lippe, die habe ich direkt mit überquert und bin dann parallel dazu weiter in Richtung Dorsten gefahren. Auf dem Deich am Fluss entlang, wunderbar. Immer noch waren wenig Menschen unterwegs, ich hatte die Natur und die Aussicht fast für mich allein. Kurze Zeit später ging es nochmal über die Lippe und dann bis Dorsten parallel zum Wesel-Datteln Kanal.

Und dann war es das auch schon fast. In Dorsten habe ich dann, erneut, den Wesel-Datteln-Kanal überquert. Dieses Mal über die Schleuse dort. Ebenfalls ein beeindruckendes Bauwerk. An beiden Enden der knapp 220 Meter langen Schleusenkammer befinden sich Hubtore. Das sieht schon eindrucksvoll aus. Als ich dort ankam verließ gerade das Gastankschiff „Schloss Versailles“ die Kammer.

Das Ende einer wundervollen Tour war dann zum einen die Zugfahrt nach Hause, ebenfalls in recht leeren Zügen, und zum anderen ne Portion Fritten 😉 Hatte ich mir verdient, fand ich. Beim nächsten Mal gibt es dann im Pott auch wieder ne Currywurst, aber da hatte irgendwie alles coole am Sonntag geschlossen.

Zum guten Schluss noch ein Relive Video und dann bedanke ich mich für Euer Interesse und hoffe, es hat Euch gefallen. Solltet ihr Fragen zur Tour haben, immer her damit. Ich fand es mal wieder herrlich auf den Spuren des Bergbaus durch den Pott zu radeln….

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 comments

  1. Danke für deine schöne Tour die du wieder so toll und ausführlich beschrieben hast. Ich wünsche dir weiterhin alles gute auf deine Touren.

  2. Vielen Dank. Manches kannte ich, manches noch nicht – und diesmal eine km-Leistung, die wir sogar schaffen könnten 🙂

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