Industrietour Krefeld, Duisburg, Moers – Kindheitserinnerungen und neue Perspektiven

Hallo zusammen,

am vergangenen Samstag war das Wetter, zumindest zu Beginn, herrlich. Das musste genutzt werden, ihr ahnt es, es ging aufs Rad. In der aktuellen Zeit tue ich mich ein bisschen schwer damit, mit dem Zug zu einem Radelstartort zu fahren, auch wenn es ganz früh ist und ich in der Regel allein da hocke. So richtig richtig fühlt es sich nicht an, also hieß es mal wieder direkt von der Haustür aus losfahren. Bezahlt oder gar beauftragt ist nix von dem was jetzt kommt, ich mach das einfach so ;).
Es ging, wie beim letzten Mal auch, erstmal in Richtung Uerdingen. Dieses Mal an der wunderbaren Fassade des „Moltke“-Gymnasiums vorbei. Das „Gymnasium am Moltkeplatz“ wie es offiziell heißt steht auf Grund der Architektur auch unter Denkmalschutz.

Ich bin weiter, abseits der Hauptstraßen, gefahren, unter anderem über die Germaniastraße. Eine der in Krefeld neu entstandenen Fahrradstraßen. Ein echter Gewinn. Die Straße läuft parallel zu großen Verkehrsachsen, ist aber wunderbar ruhig zu beradeln. Viel ruhender Verkehr und die zwei Autofahrenden, die ich getroffen habe, habe mich problemlos vorbei gelassen. Es muss also gar nicht immer ein Kampf zwischen Rad und Auto sein. Bei meinen vielen Touren merke ich eigentlich immer wieder, mit ein bisschen Verständnis und Blickkontakten ist es eigentlich nie ein Kampf.

In Uerdingen angekommen konnte ich ein Blick auf die aufgearbeitete Fassade eines der Herbertzhäuser werfen, dort ist aktuell die Plane entfernt worden. Das sieht sicher klasse aus wenn die Sanierung abgeschlossen ist.

Bei dieser Tour ging es mal nicht über die Rheinbrücke, sondern in Richtung Norden weiter, weiter in Richtung Hohenbudberg. Ein Blick zurück auf die Rheinbrücke musste natürlich sein, in ein paar Minuten würde die Sonne aufgehen.

Während die 110 Meter lange und 1995 in Rumänien gebaute „Impresa“ vor dem Anleger in Uerdingen eindrehte, ging über Duisburg die Sonne auf. Das versprach ein schöne Tag auf dem Rad zu werden.

Ein obligatorischer Rastpunkt, wenn auch nur kurz, ist die Kirche Sankt Matthias in Hohenbudberg. Die „Kirche ohne Dorf“ steht am Rhein und, ich habe das vor einiger Zeit schon einmal geschrieben, ich habe hier für den Vater einer guten Freundin eine der emotionalsten und schönsten Trauerfeiern meines Lebens erlebt. Einen Moment an dieser Stelle innehalten kann nicht schaden.

Am Deich ging es dann weiter, ich war, obwohl recht früh, nicht der Erste der hier unterwegs war, Rad-, Fuß- und Pfotenspuren zeugten von einem regen Betrieb hier oben. In dem Moment war ich aber nahezu allein mit mir und der frischen Luft.

Schöne und interessante Bauwerke gibt es dort zu sehen, zum einen den Wasserturm von 1916, gebaut um den dortigen Bahnhof mit Wasser zu versorgen und der denkmalgeschützte Bereich Friemersheim Dorf, mit seiner wundervollen Kirche aus dem Jahr 1147. Wenn man bedenkt, dass das schon Duisburg ist und was man so gemeinhin mit dem Wort „Duisburg“ verbindet, ist das schon beeindruckend.

Auf der anderen Rheinseite befindet sich das Hüttenwerk Krupp Mannesmann, auch HKM. Dort habe ich schon einige Male Eisenbahnen fotografiert, dieses Mal boten die Kühltürme dort und die aufgehende Sonne ein bisschen Industrieromantik.

Weiter ging es in Richtung Eisenbahnbrücke zwischen Hochfeld und Rheinhausen. Erstmal aber vorbei an einem schön bemalten Trafohäuschen, oder was auch immer dieses Teil ist, und durch ein Gewerbegebiet.

Das brummen von oben lies mich in den Himmel schauen und dann fiel mir auch wieder ein das ich überlegt hatte, zum Flughafen nach Düsseldorf zu fahren um einen Airbus A350 von Vietnam Airlines zu fotografieren, welcher Fracht aus Hanoi gebracht hat. Da ich aber ja vor kurzem erst zum Platz geradelt bin, habe ich mich dagegen entschieden. Den Airbus habe ich bei bestem Wetter dann in Duisburg aber trotzdem gesehen. Tolle Lackierung hat der Flieger.

An einem großen Dienstleister für den Transport von Autos vorbei ging es dann auf die Rheinbrücke. Von dort aus hat man einen schönen Blick über den Rhein und auf Teile von Duisburg.

Der Turm der Stadtwerke in Duisburg, schon auch ein Wahrzeichen, wird seit einiger Zeit zurückgebaut, aktuell steht aber noch ein Teil davon und ist so noch für eine Weile ein weithin sichtbares Orientierungsmerkmal. Im Hintergrund sieht man den Hochbunker des Landesarchivs am Innenhafen.

Über die Brücke führte mein Weg mich dann in den Rheinpark. Das Areal ist riesen groß, war mal Schwerindustrie und ist jetzt Freizeitfläche. Einige der Mauern sind stehen geblieben und bilden jetzt Platz für Streetart.

Neben einer Skateranlage finden sich viele Wände und Flächen, die teils großartig gestaltet sind. Es lohnt sich dort mal mit ein bisschen Zeit im Gepäck entlangzulaufen. Es gibt eine ganze Menge zu entdecken.

Nächste Station war die Lotharstraße. Also der Eisenbahnfotopunkt dort. Gleich vier Gleise für den Gützerugverkehr laufen dort vorbei und eigentlich gibt es immer was zu sehen. Also, nichts wie hin, durch den Tunnel, der durch die furchtbaren Ereignisse der Loveparade so bekannt wurde führte mich mein Weg dann in den Stadtteil Neudorf. Es ist, auch nach Jahren, immer wieder ein beklemmendes und unwirkliches Gefühl durch diesen Tunnel zu fahren.

Am Abzweig Lotharstraße angekommen gab es auch direkt ein, zwei Züge zu sehen, einmal diese Baureihe 152 mit einer Werbefoliierung des „Albatros-Express“. Dieser Zug verbindet die großen Industriezentren mit den Seehäfen Rotterdam, Antwerpen und Koper. Viele Waren sind auf der Schiene unterwegs und ähnlich wie bei Flugzeugen gibt es auch bei den Eisenbahnen „Sonderlackierungen“, bzw. Foliierungen um bestimmte Dienste oder Ereignisse zu bewerben.

Aus der Gegenrichtung fuhr mir dann noch eine Diesellokomotive von TKSE vor die Linse. Ursprünglich hieß der Betreiber mal „Eisenbahn und Häfen“, seit einiger Zeit tragen die Lokomotiven das Logo von ThyssenKrupp und fahren für „TKSE“, also ThyssenKruppSteelEurope durch den Ruhrpott.

Bei immer noch bestem Wetter bin ich dann nach der kurzen Pause in Richtung Kaiserberg weitergeradelt. Dort oben liegt ein kleiner Soldatenfriedhof und ein Mahnmal gegen den Krieg. Wie es immer ist, wenn Menschen mit beschränktem Geist unterwegs sind, finden dort wechselweise Sommersonnenwendfeiern von braunen Hohlköpfen oder Farbattacken von linken Gruppen statt. Schlau ist beides nicht. Über den „Siegfried“ an dieser Stelle kann man diskutieren, ein Mahnmal gegen den Krieg aber mit Farbe zu attackieren ist sicher nicht zielführend, die knapp 6000 Euro Steuergeld, die zur Reinigung fällig wurden, hätte die Stadt Duisburg sicher sinnvoller einsetzen können. Nun ja, abseits dieser Geschichten, es lohnt mal nach Kaiserberg, Mahnmal und Farbe zu googlen, ist die Stimmung dort oben eben so wie sie es dem Ort angemessen sein sollte. Still, ein wenig bedrückend und ja, nachdenklich.

An einem Ende des Kaiserbergs liegt der sogenannte Schnabelhuck. Ich war als Kind mal da, glaube ich, aber bewusst in jüngerer Vergangenheit noch nie. Also, ein Abstecher lohnt. Gerade jetzt im Herbst oder Winter, wo die Bäume nicht viel Laub tragen kann man weit gucken. Bis zum Landschaftspark zum Beispiel oder über die Autobahn ins Ruhgebiet mit seinen Brücken und Schornsteinen.

Ich muss ja zugeben, ich stehe auf dieses Flair im Ruhgebiet. Die Mischung aus Industrie und Natur, die Menschen im Pott, es gibt immer was zu sehen. Hier zu radeln hat seinen ganz besonderen Reiz finde ich. Für mich ging es vom Kaiserberg hinab, über die Ruhr an den Rhein-Herne Kanal. An dem, etwa 45 Kilometer langen, Kanal hänge auch viele Kindheitserinnerungen. Hier bin ich oft mit meinem Kumpels entlang geradelt und wir haben an den Schleusen nach den Schiffen geguckt. An der Faszination hat sich bis heute wenig geändert.

Ein kurzer Schlenker am Stadion Niederrhein war nötig um weiter am Kanal entlang fahren zu können. Seit 1926 gibt es die Spielstätte, ein paar Umbauten später steht sie heute ganz gut da und ist tauglich für die 2. Liga.

Bis etwa auf Höhe des Einkaufszentrum „Centro“ bin ich weiter am Kanal entlang gefahren, der Gasometer ist immer noch in der Sanierung, dann bin ich über die Emscher in Richtung Oberhausen Osterfeld. Auch hier gibt es einen ganz interessanten Eisenbahnfotopunkt.

Auch an dieser Stelle laufen einige Gleise zusammen und man ist nah dran. Der meiste Verkehr dort besteht aus Güterzügen oder Lokomotiven. Ich hab nur eine kurze Pause gemacht, konnte aber eine meine Lieblingslokomotiven ablichten. Eine sogenannte „Ludmilla“, eine Großdiesellokomotive der Baureihe 232. Dieses Exemplar wurde 1981 an die Deutsche Reichsbahn der DDR geliefert und verrichtet immer noch ihren Dienst. Schon eine wirklich beeindruckende Maschine, die Größe und der kraftvolle Klang sind ein Erlebnis. Hier fährt sie ohne Wagen vorbei, wenn sie einen schweren Güterzug zieht ist es nochmal ne andere Hausnummer.

Ein ganz kurzes Stückchen auf der HOAG Trasse und dann befand ich mich auf dem „Grünen Pfad“. Wer hier schon länger mit liest weiß, das sind beides Bahntrassen-Radwege. Die HOAG Trasse führt von Duisburg nach Oberhausen, der Grüne Pfad von Oberhausen nach Duisburg. Das radeln auf diesen Wegen ist einfach wunderbar, sie sind top ausgebaut, nahezu flach und verbinden so schnell die Städte der Metropolregion Ruhr miteinander.

Über die Emscher und ehe man sich versieht ist man schon in Duisburg Neumühl und radelt weiter nach Hamborn.

Der „Grüne Pfad“ führt auch am Landschaftspark Duisburg-Nord vorbei, übrigens einer der weltweit besten Stadtparks, sagt „The Guadrian“. Dieses Mal bin ich auch tatsächlich nicht nur vorbei, sondern auch durch den Landschaftspark gefahren. Ich habt es ja schon öfter gemerkt, ich kann Industrie und Industriekultur ne Menge abgewinnen. Das mag an meiner Geburt in Duisburg und meiner Kindheit zwischen Schlackebergen und Hochöfen liegen, Fakt ist, diese Großtechnologie fasziniert mich. Und das man im Landschaftspark überall so nah heran kann ist einfach klasse.

Vom ehemaligen Stahlwerk ist es nur ein Katzensprung zum Stahlwerk Schwelgern. Dort stehen zwei Hochöfen und produzieren Stahl, mit allem was dazu gehört. Bunkern, Eisenbahnen, einer Kokerei, Kühltürmen. Echte Großindustrie halt. Hier sieht es nach Schwerindustrie aus, nach harter Abreit und Qualitätsstahl. Gegenüber der Anlagen findet sich die alte Verwaltung von Thyssen. Ein eindrucksvolles Gebäude mit einer kunstvollen Fassade.

Von einer Brücke über ein weites Gleisfeld gelingen dann Aufnahmen, die schon auch ein wenig verfälschen. Zwar zieht die MaK Lokomotive hier einen Zug voller Kohle, der Förderturm im Hintergrund, ist aber ein Industriedenkmal. Die Zeche gibt es lange nicht mehr, auf ihrem Gelände befindet sich heute unter anderem ein IKEA Möbelhaus. Die Kohle auf dem Zug ist Importkohle und kam über den Rhein.

Aber nicht alles ist anders, aus dem Werk in Duisburg, neben dem ich aufgewachsen bin, kommt heute immer noch Stahl, es wird immer noch gekocht und die Hochöfen laufen auch noch, so wie früher. Und es ist immer noch beeindruckend, wenn das Roheisen, der flüssige Stahl, in den Torpedowagen über das Gelände gefahren wird.

Ein Blick von oben in die Wagen zeigt es dann auch recht deutlich…1400 Grad sind mollig warm ;).

Schon irgendwie verrückt, da muss ich erst über 40 Jahre alt werden um mal auf den Alsumer Berg zu radeln. Ich bin schon etliche Male unten am Rhein entlang gelaufen und auch schon gefahren, war aber noch nie oben. Der Alsumer Berg ist, wie so viele Erhebungen im Ruhrgebiet, eine Halde. Allerdings dieses Mal kein Abraum des Bergbaus, sondern Abfälle und Trümmer. Nach der Renaturierung hat sich daraus ein schöner Aussichtspunkt ergeben. Ein Blick zurück auf das Stahlwerk ist genauso möglich wie ein Blick auf den flachen Niederrhein auf der anderen Seite.

Im Hintergrund sind auch die Hochöfen zu sehen, der neuere der beiden, er ist von 2007, ist farblich nach den Temperaturen im Inneren gestaltet. Ein Herr den ich auf dem Berg getroffen habe, hat mir erzählt, dass man einige Kollegen aus dem Ruhestand aktivieren musste um den Hochofen zu bauen, da die Jüngeren keinen Plan mehr davon hatten. 😉 Auf jeden Fall ein eindrucksvolles Bauwerk.

Blick in Richtung Westen vom Alsumer Berg….flaches Land.

Über die Brücke in Baerl wollte ich dann wieder über den Rhein und so langsam in Richtung Heimat aufbrechen. Dabei habe ich festgestellt, wer immer gesagt hat, Schafe sind Fluchttiere, denen hier hat man dann wohl vergessen das zu erzählen. Erst als ich das ein oder andere leicht mit dem Vorderrad angestupst habe, sind die Wollknäule ein wenig zur Seite getrabt ;).

Über die 1990 fertiggestellte Brücke bin ich dann von Beeckerwerth nach Baerl gefahren. Dort ging es dann noch auf die Halde Rheinpreußen, auch wenn es so langsam dämmerig wurde. Von dem tollen Sonnenschein war auch nicht mehr viel da, aber wenn man schon mal in der Ecke ist.

Von hier aus kann man dann auch wieder den Stadtwerketurm entdecken, dieses Mal halt von der anderen Seite aus. Außerdem hat man die Brücke im Blick, die ich kurz zuvor überquert hatte.

Über Moers ging es dann in Richtung Krefeld zurück. Dabei kam ich dann noch bei MaK vorbei, die mal wieder interessante Lokomotiven auf dem Hof stehen hatten. Seit 1973 befindet sich hier eine Niederlassung der Firma aus Kiel.

Von Moers aus habe ich mich dann auf den Grafschafter Rad- und Wanderweg gesetzt und bin nach Hause gefahren. Mittlerweile war es dann auch schon dunkel. Diese Tatsache lies mich dann doch noch einen kleinen Schlenker zur Mühle am Egelsberg machen, die sieht nämlich, frisch restauriert und beleuchtet, ziemlich cool aus.

Das soll es dann auch schon wieder gewesen sein, wie meistens habe ich auch noch einen Relive Clip für Euch. Ich hoffe, es hat Euch gefallen. Wenn es Fragen gibt, nur keine Hemmungen, ab in die Kommentare damit.

Euer Martin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5 comments

  1. Hallo Martin, bin heute Abend durch Zufall auf deinen Blog gestoßen und total begeistert!
    Vielen Dank für die schönen Bilder und die interessanten Infos. Du hast jetzt noch einen neuen Fan.
    Es grüßt Dich aus dem Lipperland: Elke Engel

  2. Hallo Martin. Toller Bericht – besonders für mich als Süd-Duisburger. Ich kenne alle Streckenabschnitte, bin diese aber noch nicht in deiner Reihenfolge gefahren. Die von dir nicht näher beschriebenen Abschnitte hatte ich beim Lesen als Kopfkino.

    Ein Hinweis zum Stadtwerketurm. Dieser sollte tatsächlich vollständig demontiert werden. Riesenproteste in Duisburg führten letztlich dazu, dass nur die drei Rauchrohre entfernt wurden und das Gestell aufwändig restauriert und mit modernen Lampen ausgestattet wurde. So leuchtet er weiterhin als Duisburger Wahrzeichen und Landmarke und ist weithin sichtbar. Meistens leuchtet er grün (Farbe der Stadtwerke), zu Weihnachten jetzt aber rot und weiß.
    Und sollte unser MSV eines fernen Tages doch wieder aufsteigen, wird er sicher diese Ereignis in „Weiß und Blau“ allen kundtun.
    Beste Grüße Hermann-Josef Hassel

  3. Lieber Martin,
    ich komme immer wieder gern bei Dir vorbei, und schaue mir Bilder von unserer schönen Niederrheinheimat an. Vieles kenne ich, einiges ist neu und regt an, dort auch mal entlang zu radeln. Ein toller Blog! Dir noch gemütliche, restliche Weihnachtstage, lass es Dir gut gehen und bleib gesund!
    Viele Grüße
    Lony x

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